Bundeskongress genossenschaftliche Energiewende

Am 3. Februar 2015 hat in Berlin der "Bundeskongress genossenschaftliche Energiewende" stattgefunden. 

Rund 400 Teilnehmer diskutierten über Geschäftsmodelle für Energiegenossenschaften im Bereich der Solar- und Windenergie sowie die Möglichkeiten der Wärmeversorgung und der Energieeffizienz. Im Bereich der Wohnungsgenossenschaften wurde die direkte Stromversorgung von Mietern in Mehrfamilienhäusern vorgestellt.

„Es sind vor allem die 800 Energiegenossenschaften mit ihren 200.000 Mitgliedern, die eine aktive Beteiligung der Bürger an der Energiewende ermöglichen“, so DRGV-Vorstand Dr. Eckhard Ott. Seit 2005 hat sich die Anzahl der Energiegenossenschaften in Deutschland verzehnfacht. Die Gründungen seien im letzten Jahr allerdings um 50 Prozent niedriger ausgefallen.

Auf dem Kongress wurden die Gründe hierfür ausführlich diskutiert. Zum einen bringt die Finanzmarktregulierung in Form des Kapitalanlagegesetzbuchs einen hohen bürokratischen Aufwand. Unter bestimmten Bedingungen werden Genossenschaften als Investmentfonds eingestuft. Damit unterliegen auch sie der Bankenaufsicht BaFin. Zwischenzeitlich hat der Bundesrat eine Empfehlung ausgesprochen, dass für reguläre Genossenschaften eine gesetzliche Erleichterung geschaffen werden solle.

Zum anderen bremst das mit der EEG-Reform eingeführte Ausschreibungsverfahren das Engagement der Bürger. Über diesen Bieterwettbewerb wird zukünftig die Höhe der EEG-Förderung bestimmt. In einem solchen Bieterverfahren wird eine Energiegenossenschaft neben großen Unternehmen kaum zum Zuge kommen. Die Platzhirsche werden die Preise diktieren und die Bürgerenergiegesellschaften verdrängen.

Chancen und Möglichkeiten für Energiegenossenschaften stellten Praktiker der genossenschaftlichen Energiewende im Detail vor: Für den Bereich Windenergie erläuterte Matthias Partetzke, Vorstandsvorsitzender der IngenieurNetzwerk Energie eG, die Chancen und Risiken von Bürgerwindparks. Man könne bei einem Windprojekt mit einem klassischen Projektentwickler zusammenarbeiten oder aber das Projekt partnerschaftlich vor Ort angehen, gemeinsam mit Bürgern, Landwirten, der kommunalen Verwaltung und Politik sowie der Wirtschaft. „Die Investoren kommen aus der Region, regionale Bedürfnisse werden direkt einbezogen und die lokale Wirtschaft wird beteiligt. Damit bleiben auch die Gewinne und Steuern im Ort“, fasste Partetzke die Vorteile dieser Lösung zusammen. Der Schlüssel zum Erfolg sei, dass die Energiegenossenschaft von Anfang an das Projekt mit umsetzt und sich die jeweiligen Pachtflächen sichert.

„Im Bereich Photovoltaik haben Energiegenossenschaften einige harte Nüsse zu knacken“, sagte Nicolai Ferchl, Vorstand der Heidelberger Energiegenossenschaft. Er skizzierte die Möglichkeiten genossenschaftlicher Initiativen im Bereich der Solarenergie. Die zentrale Frage: Wie können sich Energiegenossenschaften von der Erzeugung zur Energieversorgung weiterentwickeln? Was trivial klingt, ist mit administrativen Anforderungen an ein Energieversorgungsunternehmen geknüpft. Eine Lösung ist die Bündelung der Stromproduktion von Energiegenossenschaften in einer Dachgenossenschaft, die die Vermarktung direkt übernimmt. Hier gibt es erste regionale Gründungen.

„Über die Wärmeversorgung wird im Rahmen der Energiewende viel zu wenig gesprochen. Dabei haben wir hier in der Zusammenarbeit von Landwirten, Banken und Menschen vor Ort ein riesiges Potenzial“, sagte Martin Lohrmann, Projektentwickler von Wärmenetzen. Die Anzahl der genossenschaftlichen Nahwärmenetze ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. In diesen Gemeinschaftsprojekten schließen sich die Bewohner eines Dorfes oder Stadtteils zusammen, um das Heizungsnetz zu betreiben und ihre Häuser anzuschließen. Dabei kann die Abwärme einer Biogasanlage genutzt oder aber ein eigenes Blockheizkraftwerk betrieben werden.

Neben den Bereichen der Energieproduktion und -versorgung wurde auf dem Bundeskongress auch über Energieeffizienz informiert, inwieweit beispielsweise Energiegenossenschaften die Einsparmaßnahmen von Unternehmen oder öffentlichen Einrichtungen vorfinanzieren können. „Die zweite Säule der Energiewende, nämlich die Energieeffizienz, ist von den Genossenschaften noch nicht entdeckt worden. Hier gibt es für alle Beteiligten gewinnbringende Geschäftsmodelle“, sagte Herbert Köpnick, Leiter des BMUB-Pilotprojekts "Regionale Energie-Effizienz-Genossenschaften". Abschließend wurde das Potenzial für Wohnungsgenossenschaften in einem eigenen Veranstaltungsblock vorgestellt.

Gastredner am Abend war Rainer Baake, Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft und Energie. Er unterstrich die große Bedeutung der Genossenschaften bei der Umsetzung der Energiewende vor Ort: „Genossenschaften sind aus Sicht der Bundesregierung auch künftig wichtige Akteure der Energiewende. Sie helfen, Akzeptanz und Motivation für die Energiewende in der Gesellschaft zu schaffen und tragen zur Dezentralisierung der Energieerzeugung bei.“ Beim weiteren Ausbau müssten nun aber auch die ökonomischen Aspekte stärker berücksichtigt werden.

Pressemeldung zum Bundeskongress

Vorträge der Referenten zum Download:

 

WELT-Sonderbeilage zum Bundeskongress