Porträts junger Genossenschaften

An dieser Stelle stellen sich Ihnen erfolgreiche Genossenschaften vor, die den Gründungsweg bereits beschritten und sich erfolgreich am Markt etabliert haben. Lassen Sie sich inspirieren und lernen Sie von den erfolgreichen Gründern. 

EvoCare Telemedizin ECT eG, Nürnberg

Oft geht es Patienten in den Wochen nach einer Reha schlechter als zum Zeitpunkt der Klinikentlassung. Schuld daran ist das sogenannte „Reha-Loch": Denn nach der Reha dauert es oft sechs bis acht Wochen, bis der Patient in die Nachsorge- zum Beispiel in einem ambulanten Zentrum - überführt wird. Ergebnis: Die Erfolge der Rehabilitationstherapie sind zunichte. Eine Nürnberger Genossenschaft will das Reha-Loch schließen. Die 2013 gegründete Evocare Telemedizin ECT eG stattet Kliniken mit telemedizinischen Behandlungsverfahren aus, sodass diese den Patienten nach der Reha aus der Entfernung weiterhin betreuen können.


Erfinder dieses Verfahrens ist Achim Hein. Er ist Gesundheitsexperte und Berater für die Bundesregierung und das Bayerische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege. Zudem ist er Generalbevollmächtigter der eG und der schon länger existierenden Evocare Telemedizin GmbH. Während in Letzterer die Telemedizin-Verfahren entwickelt werden, vereint die Genossenschaft jene Dienstleister aus dem Gesundheitswesen, die ihren Patienten diese neue Behandlungsmethode anbieten möchten.

Intensive Therapie trotz Distanz
„Bei unserem Behandlungsverfahren steht trotz Telemedizin nicht die Technik im Vordergrund, sondern die Medizin mit persönlicher Betreuung und Kontakt. Trotz örtlicher Distanz arbeiten Therapeut und Patient eng zusammen", so Ralf Kohnen, der Vorstandsvorsitzende der Genossenschaft. Bereits in der Reha-Klinik wird eine telemedizinische Abteilung eingerichtet, um den Patienten in die Methode einzuführen, sodass er problemlos zu Hause weiterarbeiten kann.
Der Patient erhält als Therapiegerät einen sogenannten Evolino, an den sein Therapeut Übungsanweisungen übermittelt. In der Orthopädie werden die physiotherapeutischen Übungen in einem Video vorgeturnt. Über die im Evolino integrierte Kamera erhält der Therapeut wiederum Bildsequenzen. Durch die Übermittlung dieser Ergebnisse kann der Therapeut überprüfen, welche Übungen der Patient absolviert hat, ob er die Anwendungen richtig durchgeführt hat und wie sein Leistungsfortschritt ist.

Nachsorge und Prävention
Außer in der Orthopädie setzen Mediziner das Verfahren in der Neurologie sowie in der Kardiologie ein. „Mit dem Nachsorgekonzept möchten wir Erwerbstätige schnellstmöglich wieder in den Arbeitsalltag integrieren." Das Therapiegerät soll Menschen motivieren, zu Hause sofort weiter zu trainieren. Dabei sind die Patienten örtlich und zeitlich nicht gebunden und können so parallel schon wieder anfangen, zu arbeiten. Die Behandlungsschritte Klinik, Reha und Nachsorge gehen somit nahtlos ineinander über und das bekannte Reha-Loch wird vermieden.
Im letzten Jahr wurde die telemedizinische Nachsorge im Bereich Orthopädie von der Deutschen Rentenversicherung Bayern-Süd zugelassen. Das Evocare-Verfahren ist damit die erste telemedizinische Behandlungsleistung, die in die Regelversorgung einer deutschen Rentenversicherung aufgenommen wird. Die Genehmigung ist entscheidend für die Kostendeckung der Nachsorge im eigenen Heim. Über die Nachsorge hinaus kann Telemedizin auch der Prävention dienen. „Aufmerksamkeitstrainings können zum Beispiel vor Demenz schützen. Wir ermöglichen damit älteren Menschen ein längeres Leben in den eigenen vier Wänden", so Kohnen.

Eine Chance für Patient und Klinik
Ohne speziell ausgebildetes Personal kann Telemedizin nicht funktionieren. Hier kommt nun allerdings die Genossenschaft ins Spiel. „In unserem eigenen Therapiezentrum bilden wir die Physiotherapeuten in der Orthopädie oder auch die Logopäden in der Neurologie zu geprüften Teletherapeuten aus", so Kohnen.
Des Weiteren richtet die eG Tele- Reha-Abteilungen in den Kliniken ein. Die Genossenschaft übernimmt auch Patienten-Rückfragen, wenn in einer Klinik zum Beispiel sonntags gerade kein Therapeut im Haus ist. „Die Genossenschaft ermöglicht uns und den Mitgliedern, das gemeinsame Ziel zu erreichen, die Gesundheit nach Hause zu bringen und damit Menschen zu helfen. Dieser gemeinschaftliche Gedanke hat unsere Entscheidung für die Unternehmensform der eG bedingt", sagt Kohnen.
Bisher nutzen in erster Linie Reha- Kliniken,zum Beispiel in Höhenried, als Mitglieder die Vorteile der Genossenschaft. Auch in Österreich hat die Evocare Telemedizin Projekte. Mithilfe der eG können die Kliniken ihr Leistungsspektrum erweitern und zusätzliche Gewinne erwirtschaften. Während Reha-Kliniken in der Regel nicht für die Nachsorge in Frage kommen, da sie von den Ballungszentren zu weit entfernt sind, können sie diese Leistung jetzt selbst übernehmen - ganz gemäß dem Motto der Genossenschaft: „Wir bringen Medizin nach Hause."

Quelle: Profil 5/2014