Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Bürgerbräu Wächtersbach Braugenossenschaft eG, Wächtersbach

Lokal. Biologisch. Klimaneutral. Unter diesem Motto wird seit 2011 in der hessischen Stadt Wächtersbach wieder Bier gebraut. Das Besondere daran: Die Brauerei wird als Genossenschaft geführt.

In Deutschland gibt es viele Traditionen. Das gängige Klischee: Wir Deutschen sind eine Autofahrernation und die Behüter einer reichhaltigen Bierkultur. Es gibt kein anderes Land mit einem derart vielfältigen Angebot des Gerstensafts. Doch diese Tradition ist in Gefahr. Sinkende Absatzzahlen und Preiskämpfe machen den Brauereien zu schaffen. Große Konzerne können im Wettbewerb mithalten, mittelgroße regionale Brauereien müssen hingegen immer öfter schließen. Doch es gibt auch eine stabile Marktnische: lokales Bier, das von kleinen Brauereien hergestellt wird.

Bier selbst gemacht
„Bier ist ein Produkt, das eine enge lokale Bindung haben kann“, sagt Jörg Lotz, Vorstandsmitglied der Bürgerbräu Wächtersbach Braugenossenschaft eG. Auch in der hessischen Kleinstadt geht es um eine verloren geglaubte Tradition. Seit 1578 wird hier Bier gebraut. Doch die ortsansässige Brauerei wurde im Jahr 2001 zunächst verkauft und wenig später stillgelegt. „Aus Jux haben wir vor einigen Jahren daheim in einem Kochtopf Bier gebraut. Einige Leute sind damals auf uns zugekommen und haben bedauert, dass es in unserem Ort keine Brauerei mehr gibt“, erinnert sich der gelernte Bauingenieur.

Aus Spaß wurde Ernst. Motiviert durch die positiven Rückmeldungen wollten es die Initiatoren genau wissen. Es wurden Listen angefertigt und in der Stadt ausgehängt. Auf diesen Listen konnte man sich eintragen und angeben, mit welchem Betrag man sich an einer eigenen Brauerei beteiligen würde. Das Ergebnis war so überzeugend, dass die Planungen für die Brauerei in Angriff genommen wurden. Für die Umsetzung mussten etliche Hindernisse aus dem Weg geräumt werden: Man benötigte ein geeignetes Brauereigebäude, eine Brauanlage, einen Braumeister und eine Finanzierung.

Ein geeignetes Gebäude wurde relativ schnell gefunden. Im Jahr 2009 wurde am Stadtrand ein neues Biomasseheizkraftwerk errichtet. Hier wird Strom und Wärme auf Holzbasis erzeugt. In einem Gebäudeteil des Kraftwerks gab es noch Räumlichkeiten, die allerdings erst hergerichtet werden mussten. Getreu dem Motto der Genossenschaft „Wächtersbacher Bürger nehmen es in die Hand“ gingen Lotz und seine Mitstreiter ans Werk. Ihrem Aufruf folgten viele handwerklich begabte Mitbürger, die in ehrenamtlicher Tätigkeit den Rohbau in ein bezugsfertiges Brauereigebäude verwandelten.

Freiwillige Helfer
Auch die Installation der Brauanlage haben viele freiwillige Helfer unterstützt, vom LKW-Fahrer bis zum Schlosser und Schweißer. Die Anlage konnte zudem kostengünstig beschafft werden. Eine kleine Brauerei in Eltville musste den Betrieb einstellen. Die Eigentümerin brachte die Brauanlage mit in die neue Genossenschaft ein.

Im Dezember 2011 war es dann soweit: Nach über drei Jahren intensiver Vorbereitung und vielen hundert Arbeitsstunden konnten die Genossenschaftsmitglieder ihr erstes eigenes Bier probieren. Ausgeschenkt wurde es im Gasthaus „Ysenburger Hof“. Ganz nebenbei wurde die leer stehende Wirtschaft, die sich mitten im Ort befindet, von der Genossenschaft wieder belebt. „Es geht uns nicht nur um das Produkt Bier: Wir versuchen mit der Brauerei Kultur, Gewerbe und Tradition in Wächtersbach zu bereichern“, so Lotz. Zudem wurde ein Braumeister von der Genossenschaft angestellt.

Für die Finanzierung wurde die genossenschaftliche Beteiligung gewählt. „Eigentlich kam nur die Rechtsform der eingetragenen Genossenschaft infrage. Wir wollen gemeinsam mit den Menschen etwas erreichen und nicht Dividenden erwirtschaften“, erläutert Lotz. Der Genossenschaftsvorstand ist zugleich Aufsichtsratsmitglied der VR Bank Main-Kinzig-Büdingen und hat insofern schon Erfahrung mit der genossenschaftlichen Rechtsform gesammelt. Mit mindestens einem Anteil von 200 Euro kann sich jeder Bürger engagieren. Insgesamt wurden zum Start der Genossenschaft Eigenmittel in Höhe von 175.000 Euro zusammengetragen. Verzinst wird der Anteil in Naturalien, also mit dem Angebot von selbst gemachtem Bier. Ein Förderzweck, den man sich so richtig schmecken lassen kann.

Biologisch und CO2-neutral
In der hessischen Braugenossenschaft wird ein biologisch und nachhaltig erzeugtes Bier hergestellt. Hopfen und Malz werden ausschließlich aus biologischem Anbau verwendet. Das Besondere an diesem Bier: Die Wärme für den Betrieb des Sudkessels kommt direkt vom Bio-Kraftwerk. Das ist eine in Deutschland einmalige Produktionsweise. Wächtersbacher Bier ist CO2-neutral, regenerativ und damit äußerst klimaschonend. Auch die großen Ökobiermarken in Deutschland brauen mit fossilen Energieträgern wie Öl oder Gas. Damit steht die neue Brauerei auch in der Tradition des über 400 Jahre alten Vorgängers. „Schließlich konnte man damals nur Bio-Qualität einsetzen, denn Kunstdünger und Schutzmittel, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht“, erklärt Lotz.

Der Vertrieb des neuen Biers erfolgt zunächst direkt über den „Ysenburger Hof“, ausgewählte Lebensmittelläden und ein örtliches Kaufhaus. Gaststätten werden nach und nach beliefert. Wenngleich der Fokus auf den lokalen Kundengruppen liegt, soll zukünftig mit der neuen Biermarke auch der Frankfurter Raum erobert werden. „Die Verbraucher legen immer mehr Wert auf nachhaltig und lokal erzeugte Lebensmittel. Dafür geben sie auch mehr Geld aus. Unser Bier ist Ausdruck des Slow-Food-Gedankens.“.

Explizit wendet man sich beim Brauverfahren gegen die „Massenbierhaltung“, wie es die Öko-Brauer bezeichnen. Ein anonymes Fernsehbier ist geschmacklich austauschbar. Das liegt daran, dass es in der Großbrauerei schnell vergärt und kurzfristig gelagert wird. In Wächtersbach hingegen lässt man sich Zeit. Das Bier wird traditionell hergestellt, mit entsprechender Muße für die Gär- und Reifeprozesse. „Das Ergebnis schmeckt man. Und deshalb sind wir ein Gewinn für die Bierkultur in Deutschland“, resümiert Lotz.

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