Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Bürgergenossenschaft Welbergen eG

„Welbergen ist ein lebendiger Ort. Bei uns kommt man nicht nur zum Schlafen nach Hause“, sagt Hermann Lastring, Aufsichtsratsvorsitzender der Bürgergenossenschaft Welbergen und Vorstandsmitglied der Volksbank Ochtrup. In dem kleinen Ort, 40 Kilometer nördlich von Münster, gibt es zwei Kirchen, eine Grundschule, einen Feuerwehrlöschzug, diverse Vereine und eine Volksbankfiliale – und einen Dorfladen, der gemeinsam von den Einwohnern betrieben wird.

Vor fünf Jahren stand die einzige Einkaufsmöglichkeit im Umkreis von fünf Kilometern vor der Schließung. Der Eigentümer wollte in Rente gehen, seine Kinder hatten kein Interesse an der Fortführung des Ladens. Kurz bevor die Immobilie an einen niederländischen Investor verkauft werden sollte, reagierten die Welberger.

Keimzelle für den neuen Dorfladen waren die Vereine. Man trifft sich regelmäßig, tauscht sich über aktuelle Themen aus und beschließt gemeinsame Aktivitäten. So auch hier. „Dass etwas getan werden musste, leuchtete allen sofort ein. Doch wir hatten nur fünf Wochen Zeit, ein Betreiberkonzept und eine tragfähige Finanzierung auf die Beine zu stellen“, so Lastring.

Da die Einwohner mit einbezogen werden sollten, lag eine neue Bürgergenossenschaft als Betreiberin auf der Hand. Wenn es der eigene Laden ist, so die Überlegung, dann wird man dort auch einkaufen. Die Finanzierung war hingegen eine größere Herausforderung. Für den Kauf des Gebäudes, die Renovierung und die Grundausstattung des Ladens wurden etwa 100.000 Euro an Eigenkapital veranschlagt. In dem 1.300-Seelen-Ort gibt es 450 Haushalte. Man rechnete mit 400 Mitgliedern, die jeweils mindestens einen Anteil von 250 Euro zeichneten.

In einer Bürgerversammlung wurde das Konzept vorgestellt. Zu diesem Zeitpunkt hatte man noch eine Woche Zeit, die Immobilie zu erwerben. Deshalb wurden gleich Nägel mit Köpfen gemacht. Statt Absichtserklärungen warb man um verbindliche Überweisungen auf ein Treuhandkonto. „Wir sind gleich mit einem Bündel Überweisungsträger in die Versammlung gegangen. Wenn es nicht zur Übernahme gekommen wäre, hätten wir das Geld sofort zurück überwiesen“, erinnert sich Lastring.

Die Rechnung ging auf. Heute verzeichnet die Genossenschaft ein Eigenkapital von 188.000 Euro. Neben den Einwohnern engagierten sich die Volksbank Ochtrup, die Kommune und mehrere Firmen mit mehr als einem Anteil.

Eine weitere Herausforderung: Es musste ein geeigneter Lieferant gefunden werden. Vor der Entscheidung hatte man sich mit anderen Dorfladenbetreibern ausgetauscht. Ausgewählt wurde ein Partner, der nicht nur ein umfassendes Sortiment zu attraktiven Konditionen, sondern auch das Warenwirtschaftssystem bis hin zur Scanner-Kasse bereitstellt. Durch diese logistische und kaufmännische Unterstützung kann der kleine Laden als Vollsortimenter auftreten. Von jedem Artikel gibt es zwei bis drei Alternativen zur Auswahl, insgesamt sind 2.000 Artikel im Programm. Auch eine Discount-Linie wird angeboten.

Man setzt aber auch auf lokale Produkte: von heimischen Äpfeln, Kartoffeln oder Spargel, die saisonal im Programm sind, bis hin zu Honig oder Geschenkartikeln. Darüber hinaus werden Postdienstleistungen und Blumen angeboten. Ein kleiner Getränkemarkt ergänzt das Angebot. Und auch das Stehcafé erfreut sich großer Beliebtheit.

Dorfladen läuft gut
Der Dorfladen wird sehr gut von den Einwohnern angenommen. Zuletzt hat man einen Jahresumsatz von über 700.000 Euro (brutto) erwirtschaftet. Das sind 30 Prozent mehr, als der Vorgängerladen verbuchte. Nur im ersten Jahr wurde keine schwarze Zahl geschrieben. Bei einer Gesamtinvestition von etwa 250.000 Euro konnten bereits 15.000 Euro an Rücklagen gebildet werden.

Auf die Frage, ob sich der Einkauf in dem Laden finanziell lohne, folgt die schlichte Rechnung des Bankers: „Drei Euro kostet die Autofahrt zum nächsten Supermarkt. Bei einem Einkauf unter 15 Euro sind wir definitiv günstiger“. Ein gutes Zeichen: Mittlerweile kommen auch Einwohner aus den umliegenden Dörfern zum Einkaufen nach Welbergen. Kein Wunder also, dass der 150-qm-Laden heute schon an seine Grenzen stößt.

Das Engagement der Volksbank ist nicht nur reines Sponsoring, sondern ist ebenso eine direkte wirtschaftliche Förderung der Region. Neben vielen sportlichen oder sozialen Projekten ist der Dorfladen etwas Besonderes. Er ist ein Treffpunkt für Jung und Alt. Und es werden Arbeitsplätze geschaffen. Neben der Marktleiterin werden auch vier Teilzeitkräfte und sieben Aushilfskräfte auf 450-Euro-Basis beschäftigt.

Für die Rechtsform der Genossenschaft hat man sich entschieden, weil eine größere Anzahl an Menschen unkompliziert eingebunden werden kann. Demokratische Struktur und Transparenz sind ebenfalls sehr wichtig. Auch die Prüfung durch den Genossenschaftsverband wird sehr positiv gesehen. Zwar entstehen hierbei relevante Kosten für eine kleine Genossenschaft, doch die Prüfung bietet gerade für die ehrenamtlich Tätigen eine große Sicherheit.

Wenn man Lastring nach dem Erfolgsrezept des Ladens fragt, gibt es eine kurze Antwort: „Ohne eine starke Dorfgemeinschaft funktioniert es nicht.“ Das empfiehlt er auch potenziellen Nachahmern. „Wenn ich in anderen Ortschaften als Referent eingeladen werde, dann frage ich zuerst nach dem Vereinsleben und dem Zusammenhalt. Das ‚Wir-Gefühl‘ ist Grundvoraussetzung.“

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