Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Breitbandgenossenschaft Hagen eG, Hagen

Ein leistungsfähiger Internetanschluss ist ein wichtiger Standortfaktor. Nicht immer aber können Einzelinvestoren oder die öffentlichen Hand eine Versorgungslücke schließen. Gemeinschaftliche Eigeninitiative kann die Lösung sein. So auch in der südwestfälischen Großstadt Hagen.

„Ein schnelles Internet ist unerlässlich, um die Arbeitsplätze in Hagen zu sichern und die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes zu steigern“, sagt Michael Hösterey, Vorstandsvorsitzender der Breitbandgenossenschaft Hagen eG. Der Steuerberater ist Inhaber einer Kanzlei und bei den örtlichen Wirtschaftsjunioren aktiv.

Hagens Wirtschaft ist geprägt von kleinen und mittelständischen Unternehmen, die vor allem im Stahl- und Metall verarbeitenden Gewerbe tätig sind. Es gibt aber auch zahlreiche Betriebe aus den verschiedensten Handwerks- und Dienstleistungszweigen. Für die meisten Unternehmen ist eine schnelle Datenübertragung sehr wichtig.

Keine „Marktlösung“
Das Problem: Gerade in dünn besiedelten oder weitläufigen Gebieten sind die Investitionen in die erforderlichen Glasfasernetze oft zu teuer. Je weiter die Nutzer räumlich auseinanderliegen, umso kostspieliger wird jeder Anschluss. Diese Situation ist für private Einzelinvestoren unattraktiv, da sie ihre Renditevorstellungen beim Endkunden nicht durchsetzen können. Das Ergebnis: „Der Markt“ bietet keine Lösung.

In einer ähnlichen Situation befinden sich die Unternehmen in Hagen. Die meisten der 250 Betriebe sind im Gewerbegebiet „Lennetal“ angesiedelt. Das in den 1970er Jahren angelegte Areal ist ein weitläufiges Gebiet mit einer Gesamtfläche von 350 Hektar. Etwa 25.000 Menschen arbeiten hier. Ein Blick in den örtlichen Breitbandatlas zeigt, dass ausgerechnet das Lennetal schlecht versorgt ist.

„Wenn überhaupt, dann sind nur 10 Prozent der Gewerbebetriebe mit einer  Bandbreite von mindestens 50 Mbit/s versorgt. Die kommerziellen Internetanbieter haben sich nur die ‚Filetstücke‘ – also große Firmen – herausgesucht“, so Hösterey. Was kann man tun, wenn doch der Bedarf vorhanden ist?

Diese Frage stellten sich Hösterey und seine Mitstreiter aus dem Kreis der Hagener Wirtschaftsjunioren. Die zündende Idee kam bei einer Veranstaltung der Jungunternehmer, in der es um die genossenschaftliche Rechtsform ging: Eine Genossenschaft der Unternehmer soll den Breitbandausbau selbst in die Hand nehmen.

Gemeinsam mit der kommunalen Wirtschaftsförderung und der IHK wurde ein Arbeitskreis eingesetzt, der die Möglichkeiten ausloten sollte. Auch der Oberbürgermeister war von Anfang an in dem Projekt mit dabei. Die Idee war so überzeugend, dass die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen die Breitbandgenossenschaft als Pilotprojekt fördert.

Vorteile der Genossenschaft
Zwei Probleme soll die Genossenschaft lösen. Zum einen sollen die Unternehmen, also die Endkunden, in einer verbindlichen Form zusammenarbeiten und die Finanzierung sicherstellen. Die Genossenschaft ermöglicht durch ihre demokratische Grundstruktur eine gleichberechtige Kooperation, was sich positiv auf das vertrauensvolle Miteinander auswirkt.

Zum anderen ist die Genossenschaft nicht auf die Dividendenzahlung an Investoren ausgerichtet. Das Nutzungsinteresse der Eigentümer steht im Mittelpunkt, d.h. die Hagener Mitgliedsunternehmen sollen eine zeitgemäße und kostengünstige digitale Infrastruktur erhalten. Der Fokus auf die Mitglieder führt somit zu dem unschlagbaren Kostenvorteil des genossenschaftlichen Betreibermodells.

Mit der öffentlichen Förderung wurde eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Leider kam man auch mit dem genossenschaftlichen Selbsthilfeansatz zu dem Ergebnis, dass sich die kalkulierten Investitionen von etwa 2,5 Mio. Euro nicht durch die Nutzerentgelte refinanzieren lassen. Das hätte das Aus für die gemeinschaftliche Initiative bedeuten können, wenn man nicht auf eine andere Technologie umgeschwenkt wäre.

Das Gewerbegebiet wird nun über ein Richtfunknetz mit schnellem Internet versorgt. „Das ist genauso gut und sicher wie ein Glasfaserkabel. Und es kostet für den Start nur 300.000 Euro“, meint Hösterey. Zudem lässt es sich auch technisch schneller umsetzen.

Veränderungen in der Planung und Durchführung sind nicht ungewöhnlich für Breitbandprojekte. Schließlich ist der Breitbandausbau ein komplexes Thema. Diverse technische, rechtliche und wirtschaftliche Aspekte sind zu beachten. Eine Blaupause etwa für den Geschäftsplan oder das Finanzierungsmodell kann es nicht geben.

Zu den individuellen Entscheidungen gehört auch die Frage, ob ein Großinvestor, die Kommune, eine öffentlich-private Partnerschaft oder eine Kooperation von Unternehmen bzw. den Nutzern die beste Lösung ist. Für die beiden letztgenannten Varianten ist eine Genossenschaft gut geeignet.

Wichtig für ein solches Projekt ist auch die Auswahl der richtigen Partner. Nicht immer hat man alle erforderlichen Kompetenzen im Gründungsteam vereint. Die Hagener Initiatoren arbeiten bei den technischen Fragen mit einem mittelständischen Unternehmen aus der Telekommunikationsbranche zusammen. Die Betreiberfirma mietet später das von der Genossenschaft installierte Richtfunknetz an. Bei der Finanzierung ist die örtliche Genossenschaftsbank mit an Bord.

Das Pilotprojekt
Im August 2017 wurde der erste Spatenstich für drei Antennenanlagen im Lennetal gesetzt. Sie verfügen jeweils über eine Reichweite von 50 Kilometern und können Unternehmen wie auch Privathaushalte mit einer Leistung von einem Gigabyte pro Sekunde an das Netz anbinden, eine entsprechende Empfangsantenne bei den Nutzern vorausgesetzt.

Während der Pilotphase haben 15 Unternehmen die Mitgliedschaft in der Breitbandgenossenschaft erworben. An Geschäftsguthaben sind mindestens 1.750 Euro zu zahlen. Als Gegenleistung wird die Empfängerschüssel installiert und der Zugang zum Gebäude gelegt. Das Mitglied muss sich nur noch um die Verkabelung innerhalb des Gebäudes kümmern.

Mit der Einrichtung der Antennenanlagen plant die Genossenschaft jetzt weitere Mitglieder und Kunden aufzunehmen. „Wichtig bei der Ansprache ist, den Unternehmen den konkreten Nutzen zu erläutern. Sie müssen verstehen, dass man gemeinsam aktiv werden muss. Aus Hagen – für Hagen, das ist unsere große Stärke“, so Hösterey.

Dann wird er grundsätzlich: Die örtliche Infrastruktur dürfe nicht zum Investment einzelner Profiteure werden. „Sie gehört in die Hände der Bürger und Kommunen. Und die Genossenschaft ist ein gutes Instrument, den Bürger zum Miteigentümer zu machen“.

Und noch etwas ist wichtig: Da die Genossenschaft von vielen Eigentümern getragen wird, kann sie nicht einfach von einem Investor weggekauft werden. Ohne die entsprechende Mehrheit in der Generalversammlung wird das Breitband immer in der Hand der Mitglieder bleiben. Nur gemeinsam wird über das Eigentum entschieden.

Für die Initiatoren ist die Versorgung der Unternehmen im Lennetal nur der erste Schritt, das schnelle Internet auch für andere Interessenten nutzbar zu machen. Mit der Richtfunktechnik können problemlos auch Wohnhäuser versorgt werden.