Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

dasrößle eG, Todtnau-Geschwend

In ländlichen Regionen wird das Kneipensterben zu einem größeren Problem. Die Möglichkeiten für kulturelle Veranstaltungen oder gesellige Abende werden immer seltener. In einer Schwarzwald-Gemeinde haben die Einwohner nun gemeinsam unter dem Dach einer Genossenschaft ihr Dorfgasthaus wiedereröffnet.

„Auf dem Polterabend von einem der Initiatoren wurde die Idee geboren, unser historisches Dorfgasthaus zu kaufen“, berichtet Ewald Dießlin, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft „dasrößle eG“ im badischen Todtnau-Geschwend. Die hochbetagte Eigentümerin lebt im Altersheim, eine weitere Nutzung des Gebäudes war mit vielen Fragezeichen versehen. Als das Objekt zum Verkauf stand, meldeten sich externe Investoren. „Doch wir sagten: Dass kann eigentlich kein Fremder machen, das müssen wir Einheimischen angehen. Die Frage war nur, wer’s macht. Du, ich oder wir alle gemeinsam?“, sagt Dießlin.

Kultureller Treffpunkt

Die Entscheidung fiel auf das „Wir“, denn für eine erfolgreiche Wiederbelebung des Gasthauses mussten möglichst viele Menschen gewonnen werden. Aus einer ersten Interessengemeinschaft ging später die Genossenschaft als Betreiber hervor. Mit der Instandsetzung des Gebäudes sollte wieder eine kulturelle und gesellschaftliche Begegnungsstätte für die Dorfbevölkerung, aber auch für die Gäste der Ferienregion Südschwarzwald entstehen. Dabei wird das typische Schwarzwaldhaus mit dem tief gezogenen Walmdach als Baudenkmal erhalten.

Im Januar 2012 kaufte die Genossenschaft das Gebäude. Das Haus wurde komplett ausgeräumt, anschließend erfolgten die dringend erforderlichen Sanierungsmaßnahmen. Teile der Fassade wurden entfernt, ebenso Wände und Decken. „Man kann sich vorstellen, was in einem 230 Jahre alten Haus nach jahrelangem Stillstand zum Vorschein kommt. Wir hatten auch gehofft, dass das 450-Quadratmeter-Dach nur einige undichte Stellen hat. Doch es kam ganz anders“, berichtet der Chef der Genossenschaft. Diese „Überraschungen“ haben zwar zu unvorhersehbaren Kosten geführt, aber nicht das Projekt infrage gestellt.

Am 18. Januar 2013 war es dann soweit: „dasrößle“ wurde wieder eröffnet. Heute strahlt das Gasthaus in neuem Glanz. Behindertengerechte sanitäre Anlagen gehören ebenso zur Ausstattung wie ein Babywickeltisch. Der Versammlungssaal ist mit modernster Kommunikationstechnik ausgestattet. „Wir hatten vor einiger Zeit eine Feier zum 60. Geburtstag ausgerichtet, da wurde der Sohn der Jubilarin via Skype aus New York hinzugeschaltet“, so Dießlin. Neben dem Saal werden zwei Gasträume und ein Biergarten bewirtschaftet. Angeboten werden badische Spezialitäten, die Produkte kommen aus der Region von heimischen Produzenten.

Beteiligen kann man sich am „dasrößle“ ab einem Betrag von 1.000 Euro. Für den Start planten die Genossenschaftsgründer mit einem Eigenkapital von 165.000 Euro. In der Gründungsversammlung wurden bereits 50.000 Euro gezeichnet. Durch öffentliche Werbemaßnahmen wurden schließlich 140 Mitglieder gewonnen, die Anteile im Wert von 237.000 Euro besitzen. „Wir haben Mitglieder aus anderen Bundesländern und sogar aus Frankreich, der Schweiz oder Südafrika“, sagt Dießlin nicht ohne Stolz.

Mitgliederbonus

Die Mitglieder profitieren in mehrfacher Hinsicht. Sie haben mit dem genossenschaftlichen Gasthaus wieder einen Treffpunkt im Ort, der für kulturelle Anlässe bis hin zu Familienfeiern genutzt werden kann. Auch finanziell lohnt sich das Mitmachen. Zwar sind noch keine Dividendenzahlungen möglich, aber schon jetzt können Mitglieder bei größeren Familienfeiern finanzielle Vorteile nutzen. Wenn auf der Rechnung im Dorfgasthaus mehr als 500 Euro stehen, dann erhält das Mitglied einen Rabatt von 5 Prozent.

Insgesamt wurden in das Gasthaus etwa 900.000 Euro investiert. Maßgeblich gefördert wurde das Projekt durch Zuschüsse vom LEADER-Programm der EU. Verlässlicher Finanzierungspartner der Genossenschaftsgründer ist die VR Bank Schopfheim-Maulburg. Die Bank überzeugt vor allem durch ihre Nähe vor Ort und die Offenheit bei den Verantwortlichen für das außergewöhnliche Vorhaben. Auch bei den vielen Behördengängen und Anträgen wurden die Gründer von der öffentlichen Verwaltung wohlwollend begleitet.

Die Renovierungs- und Umbaumaßnahmen sind noch nicht vollständig abgeschlossen. Die Schindelfassade wird noch angepasst, auch neue Parkplätze sollen in diesem Jahr entstehen. Vor allem aber werden sieben Gästezimmer fertiggestellt, ein zweites wichtiges Standbein für das Dorfgasthaus. Viel ehrenamtliches Engagement hat in der Umbauphase die Sanierungskosten gesenkt. Bei der Bewirtschaftung setzt man aber auf festangestelltes Personal. Sechs Vollzeitkräfte werden in Küche und Servicebereich beschäftigt.

Die genossenschaftliche Rechtsform wurde gewählt, weil möglichst viele Menschen unkompliziert beteiligt werden sollten. Die Genossenschaft stärke das soziale Miteinander, weil sie die Mitglieder im Fokus habe und nicht das Kapital. „Die Genossenschaft ist seit über 150 Jahren eine bewährte Unternehmensform für bürgernahe Unternehmen. Sie ist kaum von Insolvenzen betroffen. Das passt zu unserem nachhaltigen Ansatz“, betont Dießlin. Auch die Begleitung in der Gründungsphase durch den regionalen Prüfungsverband bei Satzungsgestaltung und Geschäftskonzept waren sehr hilfreich.

Neben der Genossenschaft wurde in Geschwend noch ein Kulturverein „dasrößle e.V.“ gegründet, der den Erhalt des schwarzwaldtypischen Baudenkmals mit unterstützt. Der Verein organisiert kulturelle Veranstaltungen, die im Saal oder im Gartenbereich des Dorfgasthofs stattfinden. Von Musikevents, über Lesungen bis hin zu Veranstaltungen für Kinder ist für jede Altersgruppe etwas dabei.

Das Gasthaus wird sehr gut angenommen. Ob Mitgliederversammlungen von Vereinen, Geburtstagsfeiern oder der regelmäßig stattfindende Kartenspielertreff. Viele Einwohner der Region sind zu Stammgästen geworden. Die besondere Atmosphäre im Schwarzwaldhaus lockt auch überregionale Gäste an. Und der nächste Polterabend wird bestimmt auch bald wieder im „dasrößle“ stattfinden.