Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Datev eG, Nürnberg

Die DATEV eG hat eine imponierende Unternehmensgeschichte. Als Rechenzentrum für Steuerberater gestartet ist sie heute ein vielseitiges Dienstleistungsunternehmen. Die Unternehmenspolitik hat sich dabei stets an den Interessen und Bedürfnissen ihrer Mitglieder und deren mittelständischer Mandanten orientiert.

Alles begann an einem kalten Winterabend des Jahres 1966. Etwa 100 Steuerbevollmächtigte aus dem Kammerbezirk Nürnberg trafen sich, um über ein gemeinsames Rechenzentrum zu diskutieren. Eingeladen hatte Kammerpräsident Heinz Sebiger. Es wurde intensiv über technische, organisatorische und finanzielle Fragen diskutiert. Am Schluss der Sitzung stand für die Mehrheit fest: Wir gründen eine Genossenschaft. Bereits vier Wochen später wurde die DATEV eG ins Leben gerufen.

Immer mehr Steuerberater wurden damals von ihren mittelständischen Mandanten gefragt, neben der Beratung in Steuerfragen auch noch weitere Dienstleistungen wie etwa die Buchführung zu übernehmen. Doch die meisten Steuerberater konnten dies nicht. Es mangelte an personellen Kapazitäten. Und für eine automatisierte Unterstützung mittels EDV fehlte die technische Ausstattung.

Zur gleichen Zeit wurde die Umsatzsteuer eingeführt, deren praktische Handhabung viele mittelständische Unternehmen vor große Herausforderungen stellte. Vorsteuerabzug und Umsatzsteuervoranmeldung überforderten kleine und mittlere Unternehmen. Sie setzten deshalb auf die Unterstützung ihrer Steuerberater. Aber auch hierfür benötigte man eine bezahlbare EDV. „Die mittelständische Wirtschaft hätte die Umstellung auf die Umsatzsteuer vermutlich nur sehr mühsam im Alleingang geschafft“, behauptet Prof. Dieter Kempf, Vorsitzender des Vorstands der DATEV. „Eine automatisierte, softwarebasierte Unterstützung durch die Steuerberater, wie wir sie heute kennen, lag damals in weiter Ferne. Das ist die unternehmerische Pioniertat der DATEV-Gründer: Sie haben dieses Mengengeschäft für die Steuerberater nutzbar gemacht“, so Kempf.

Rasante Entwicklung
Eine leistungsstarke EDV konnten sich zur damaligen Zeit nur große und finanzstarke Unternehmen leisten. Dennoch bestellten die DATEV-Verantwortlichen als erstes Unternehmen in Deutschland damals gleich zwei ganz neue Modelle von IBM-Großrechnern für ihr eigenes Rechenzentrum. Jahresmiete: 8 Millionen D-Mark. Eingeweiht wurde das Rechenzentrum 1969 vom damaligen Bundesfinanzminister Franz-Josef Strauß.

Mit dem neuen Rechenzentrum konnten aber noch mehr Dienstleistungen angeboten werden. Durch die elektronische Auswertung der Buchungsunterlagen war es möglich, wichtige kaufmännische Informationen für die Kunden aufzubereiten, etwa Übersichten zu Rentabilität oder Liquidität des Unternehmens, monatliche Ertrags- und Kostenanalysen und natürlich auch vollständig ausgefertigte Umsatzsteuervoranmeldungen. Das Leistungsspektrum reichte nun von der Buchführung bis zur Bilanz, von der Lohnabrechnung bis zur Steuererklärung.

Größenvorteile und passgenaue Gemeinschaftsprodukte für die Mitglieder sind auch die Gründe für die rasante Entwicklung der DATEV. Im ersten Jahr zählte die Genossenschaft 180 Teilhaber, drei Jahre später waren es bereits 4.000. Heute nutzen 40.000 Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte deren Dienstleistungen. Die angeschlossenen Kanzleien arbeiten für 2,5 Millionen mittelständische Mandanten. Etwa 6.500 Menschen sind bei der DATEV angestellt.

Software im Fokus
Die DATEV hat stets in enger Abstimmung mit ihren Mitgliedern neue Märkte erschlossen, neue Produkte und Serviceleistungen entwickelt. Deshalb stehen heute weniger das Rechenzentrum, sondern vielfältige Softwareprodukte für Finanzbuchführung, Lohnabrechnung oder Kostenrechnung im Fokus.

Neben der klassischen Software für Finanzbuchführung, Lohn- und Gehaltsabrechnung sowie der Erstellung von Bilanzen und Steuererklärungen wurden spezielle Produkte für die Wirtschaftsberatung, die Eigenorganisation in der Kanzlei oder die betriebswirtschaftliche Auswertung von Unternehmensdaten entwickelt. Seit Ende der 1990er-Jahre werden auch Softwareprodukte für Rechtsanwälte und Wirtschaftsprüfer angeboten oder spezielle Produkte für die Beratung von Kommunen und kommunalen Unternehmen. Ein Teil der Produkte wird auch bei den Mandanten der Mitglieder direkt eingesetzt.

Seit einigen Jahren werden Software und sonstige Dienstleistungen zudem speziell für mittelständische Unternehmen entwickelt, etwa für die Auftragsabwicklung oder den digitalen Belegaustausch mit der Kanzlei. „Die DATEV ist schon immer ein mittelbarer Dienstleister für die mittelständische Wirtschaft gewesen. Unsere Mitglieder bestimmen gemeinsam mit ihren Mandanten die optimale Arbeitsteilung für die im Rahmen des Mandats anfallenden Aufgaben. Und wir liefern die Software- Komponenten, die entweder der Steuerberater, der Mandant oder beide nutzen“, beschreibt Kempf die Situation. Die Mandanten werden aber nur auf Wunsch des Mitglieds direkt betreut. Mitglieder und Genossenschaft sind also keine Konkurrenten, sondern sie ergänzen sich.

Die DATEV hat auch viele Berührungspunkte mit dem Tagesgeschäft der Banken. Ihre Produkte und Dienstleistungen sind oftmals eine unsichtbare Schnittstelle zwischen Banken, Steuerberatern und mittelständischen Unternehmen, insbesondere wenn es um aufbereitete Unternehmenskennzahlen, betriebswirtschaftliche Analysen oder Informationen für ein Rating geht. Für die entsprechende Datenweitergabe an die Kreditinstitute können Unternehmen und Steuerberater DATEV-Software und das Rechenzentrum nutzen.

Damit besteht ein sicherer Datenkreislauf: Vom Senden der Zahlungsverkehrsdaten an die Bank, der Rückübertragung der Kontoauszugsdaten zur automatischen Kontierung im DATEV-Rechnungswesen bis hin zum direkten Senden der Abschlussdaten in die Bilanzanalysesysteme der Banken.

Bleibt abschließend noch die Frage, ob die genossenschaftliche Rechtsform überhaupt für ein solch großes und international tätiges Unternehmen geeignet ist. „Ja“, sagt Kempf, „wenn man die Genossenschaft nicht nur als Rechtsform, sondern als eine Form der Ausübung unternehmerischer Tätigkeit versteht. Die Identität von Kunden und Anteilseignern bremst die Gefahr, einseitigen Interessen nachzugehen“, beschreibt er einen Vorteil.

Wenngleich die Entscheidungsprozesse durch die Abstimmung mit den Mitgliedern etwas aufwendiger sind, führt dies aber auch zu einer nachhaltigen Unternehmenspolitik. „In einer Genossenschaft ist es leichter, dem Handeln eine langfristige Ausrichtung zu geben, anders als in einer Aktiengesellschaft, wo Märkte oder Marktmacher bisweilen nur schnelle Gewinne sehen wollen.“ Insofern ist es für die DATEV ein Glücksfall, dass die Gründer damals gleich die passende Rechtsform gewählt haben.