Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Ein Dorf wird Wirt

Das Ammertal ist eine bayerische Bilderbuchregion. Schloss Linderhof, Kloster Ettal oder die Passionsfestspiele in Oberammergau sind weltberühmt. Gäste schätzen nicht nur die Erholung in den Bergen, sondern vor allem auch die typisch bayerische Küche in einem urigen Wirtshaus. Doch diese Gasthaustradition ist in Gefahr. Wie einst in dem 600-Seelen-Ort Altenau, bis die Bevölkerung gemeinsam reagiert hat.

Zehn Jahre stand das Wirtshaus „Alte Post“ leer. Einst war es der soziale Mittelpunkt im Ort: Für ein Bier am Abend, Familienfeiern oder die alljährliche Faschingsparty. Doch als der letzte Pächter in die Jahre gekommen war, fand sich kein Nachfolger, der die dringend anstehenden Sanierungen auf sich genommen hätte. Das beliebte Dorfgasthaus musste schließen.

Dorfgasthäuser vor dem Aus

So wie in Altenau ergeht es vielen historischen Dorfwirtschaften. Der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband hat festgestellt, dass sich deren Anzahl seit 1980 auf rund 4.000 halbiert hat. Ein Viertel aller Gemeinden im Freistaat hat kein Wirtshaus mehr. Das wollten die Altenauer in ihrem Ort nicht einfach hinnehmen.

„Das Dorfleben hatte sich in die Vereinsheime verlagert. Es gab keinen gemeinsamen Treffpunkt mehr“, sagt Peter Urbin, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft „Ein Dorf wird Wirt“ Objektgenossenschaft Altenau eG. „Wir haben die Leute zusammengetrommelt und das Problem in der Öffentlichkeit diskutiert, sonst hätte sich nie etwas verändert“, ergänzt Robert Soukup, der gemeinsam mit Urbin und einigen Altenauern die Initiative in die Hand genommen hat.

Anfang 2013 starteten sie mit einer Projektgruppe, die ein erstes Konzept entwickelt hat. Vier Wochen später wurde die Bevölkerung zu einer Informationsveranstaltung eingeladen. Alle waren begeistert. Doch wie geht man so ein Projekt gemeinsam an? Wer nimmt die Sache in die Hand? Wie finanziert man das? Und wem gehört am Ende die Wirtschaft? Alles Fragen, auf die man eine Antwort finden musste. Allen Beteiligten aber war von Anfang an klar, dass die Renovierungsarbeiten selbst übernommen werden müssen.

Zum Glück haben die Altenauer das Know-how und die für die Sanierung erforderlichen Gewerke in den eigenen Reihen. Im Ort gibt es jemanden, der die Bauplanungen gemacht hat, zudem beteiligten sich Ingenieure, Finanzexperten, Elektriker, Schreiner und Fachleute aus dem Sanitärbereich. „Am Ende fehlte nur ein Fliesenleger, den wir dann auch beauftragt haben“, berichtet Urbin, der selbst als Steuerrechtsexperte in einer Kanzlei arbeitet.

Das Gebäude wurde entkernt und innen wie außen neu gestaltet. Abends und am Wochenende haben sich die Freiwilligen in ihr Gemeinschaftsprojekt eingebracht. Beeindruckende 22.000 ehrenamtliche Stunden wurden geleistet. „Es ist ein generationenübergreifendes Projekt. Der älteste Handwerker war 76, der jüngste Unterstützer gerade mal 14 Jahre alt“, sagt Soukup nicht ohne Stolz.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Nach 15 Monaten Umbauzeit erstrahlte der „Altenauer Dorfwirt“ in neuem Glanz. Eröffnet wurde am 15. August 2014. Neben dem Restaurantbereich wurden im Obergeschoss sechs Fremdenzimmer hergerichtet. Auch der Veranstaltungssaal für etwa 100 Gäste wurde modernisiert und mit neuer Bühnentechnik ausgestattet. Bis auf die Tische und Stühle sind alle Möbel und Einrichtungen selbstgemacht.

Genossenschaftliche Beteiligung

Zur Finanzierung des gesamten Vorhabens wurde die genossenschaftliche Rechtsform gewählt. Gleich zu Beginn der Projektplanungen sind die Bürger dazu eingeladen worden, sich mit mindestens einem Geschäftsanteil von 1.000 Euro zu beteiligen. Das Interesse war überwältigend. Heute ist ein Viertel der Einwohner als Mitglied registriert. Darunter auch die VR-Bank Werdenfels, bei der Robert Soukup hauptberuflich tätig ist.

Für die Neueröffnung suchte man einen Pächter, der zu dem Gemeinschaftsprojekt passt. Auch bei dieser Entscheidung hatten die Initiatoren eine glückliche Hand. Die Wirtsleute Izabella und Florian Spiegelberger führen das Lokal mit viel Herz und haben den Altenauer Dorfwirt ganz nebenbei zu einem kulturellen Zentrum der Region entwickelt.

„Ob Kabarett- oder Musikveranstaltung, der Saal ist immer gut gefüllt. Die Leute kommen weit von außerhalb“, sagt Urbin. Der Festsaal wird jetzt wieder von den örtlichen Vereinen genutzt. Auch Familienfeiern, Basare oder die Faschingsfeier werden im Dorfmittelpunkt ausgerichtet. An jedem ersten Donnerstag im Monat trifft man sich zum Musikerstammtisch.

„Wenn ein Wirtshaus schließt, dann bricht der Austausch untereinander weg. Das ist ein schleichender Prozess, den wir rechtzeitig aufgehalten haben“, meint Soukup. Das gesellschaftliche Leben findet wieder an einem Ort statt. Ein Beleg dafür ist auch der Theaterverein, der mit dem Altenauer Dorfwirt reaktiviert wurde. Seither finden wieder Aufführungen statt.

Hat die genossenschaftliche Eigentümerstruktur auch Einfluss auf den Restaurantbetrieb? In gewisser Weise schon, denn die Mitglieder aus der Nachbarschaft sind wohl besonders aufmerksame Restaurantkritiker. Auf der Speisekarte finden sich bayerische Klassiker wie Münchner Schnitzel, hausgemachte Käsespatzen oder karamellisierter Kaiserschmarrn. Die hochwertigen Grundprodukte kommen selbstverständlich aus der Region, etwa vom Obst- und Gartenbauverein Altenau.

„Die Dorfgemeinschaft ist bei uns schon immer stark gewesen. Ohne den Zusammenhalt ist solch ein ambitioniertes Projekt nicht zu stemmen“, resümiert Urbin. Andererseits habe die Zusammenarbeit auch der Dorfgemeinschaft gut getan. Soukup ergänzt: „Die ganze Zeit hat es keinen ernsthaften Streit gegeben. Wir hatten durchaus unterschiedliche Auffassungen, aber wir haben immer einen guten Kompromiss gefunden.“ Kompromissfähigkeit sei auch der wichtigste Tipp für Nachahmer.