Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Energiegemeinschaft Weissacher Tal eG, Weissach im Tal

Kommunen können maßgeblich zum Erfolg einer Energiegenossenschaft beitragen und bei der Realisierung von Erneuerbare-Energien-Projekten mit den Bürgern zusammenarbeiten. Allerdings müssen dabei die jeweiligen Vorgaben des Landes  beachtet werden, beispielsweise die Gemeindeordnung. Wie kann die Kommune engagierte Bürger unterstützen? Wie kann es Regionen gelingen, sich künftig eigenständig mit Energie zu versorgen? Und wie wird eine Kommune selbst zum Initiator  einer Energiegenossenschaft? Die Gemeinde Weissach im Tal macht es vor.„Es war uns besonders wichtig, jedem Interessenten aus der Region die Möglichkeit zu geben, bei diesem Projekt mitzuwirken. Deshalb haben wir als Beteiligungsmodell die   gleichberechtigte und damit demokratische und weithin akzeptierte Form der Genossenschaft gewählt“, erklärt der Bürgermeister von Weissach im Tal, Ian Schölzel. Er ist zugleich ehrenamtlicher Aufsichtsratsvorsitzender der Energiegenossenschaft.  Als solcher kann Schölzel einerseits öffentliche Belange einbringen. Andererseits erfährt er von neuen Planungen und Projekten aus erster Hand. Die Informationswege sind dadurch sehr kurz und die Projekte lassen sich schneller umsetzen.

Eine Energiegenossenschaft wird gegründet
Die Gründungsphase der Energiegenossenschaft verlief zügig, da die örtliche Raiffeisenbank den Finanzplan und die Satzung gemeinsam mit dem Gemeinderat und dem Genossenschaftsverband rasch fertigstellte. Die Kommune selbst hatte allerdings aufgrund der Gemeindeordnung nursehr begrenzte Möglichkeiten, sich finanziell an der Genossenschaft zu beteiligen. So schreibt die Gemeindeordnung von Baden-Württemberg unter anderem vor, dass die Kommune im Vorstand vertreten  sein muss. Da Geschäftsführung und Aufsichtsrat der Genossenschaft aber immer erst nach der Gründung gewählt werden, bestand hier zunächst ein Konflikt. Außerdem wollte sich die Gemeinde Weissach im Tal ursprünglich mit einem  höheren Betrag beteiligen, als sie es dann getan hat: Die Kommunalaufsicht hatte Einspruch eingelegt. „Schließlich hat sich die Gemeinde mit 5.000 Euro beteiligt“, sagt Rudolf Scharer, Gemeinderatmitarbeiter und Leiter der Geschäftsstelle der  Energiegenossenschaft in Weissach im Tal. Nach der Einigung mit der Kommunalaufsicht veranstaltete die Kommune einen Informationsabend für die Bürger. „Wir haben die Gründung der Genossenschaft bereits am selben Abend durchgeführt. Da  waren die Informationen noch präsent und die Bürger mussten nicht extra zu einem zweiten Treffen kommen“, erklärt Scharer. 79 Bürger beteiligten sich schon an diesem ersten Tag.

Die Energiegenossenschaft wächst
Die Genossenschaft wurde im November 2008 gegründet. Bereits im Monat darauf wurden die ersten drei Photovoltaikanlagen installiert. Die dafür notwendigen Dächer stellte die Gemeinde zur Verfügung. Sie unterstützte damit das Engagement der Bürger ohne großen finanziellen Aufwand. Die drei Anlagen aus Dünnschichtmodulen befinden sich auf einem Gerätehaus der Feuerwehr in Aichholzhof, auf der Grundschule Oberweissach sowie auf einer neuen Halle des Bauhofs in Bruch. Alle Dächer  sind in kommunaler Hand und werden der Energiegenossenschaft mietfrei zur Verfügung gestellt. Die Energiegenossenschaft ist bereits mit 107.000 Euro gestartet. Bis Dezember, also innerhalb eines Monats, wurden 394.000 Euro  gezeichnet. Im August 2011, drei Jahre nach der Gründung, liegt die Mitgliederzahl der Energiegenossenschaft bereits bei 239 – Tendenz steigend. Mehr als 14.000 Geschäftsanteile zu je 50 Euro wurden durch die Bürger eingebracht. Davon wurden  vorwiegend auf Dächern kommunaler Gebäude zehn Photovoltaikanlagen errichtet, die pro Jahr etwa 330.000 Kilowattstunden Strom produzieren. Doch trotz der Millionenbeträge, die als gesamte Investitionssumme zu Buche stehen, ist die Energiegenossenschaft eine Beteiligungsmöglichkeit für alle Bürger. So ist das jüngste Mitglied gerade einmal sieben Jahre alt. Zwischenzeitlich konnten wegen der hohen Nachfrage sogar keine neuen Mitglieder aufgenommen werden: Für die vorhandenen Summen gab es keine Dachflächen mehr. Doch auch hier griffen Bürgermeister und Gemeinderat wieder unterstützend ein.

Die Energiegenossenschaft zahlt sich aus

„Für uns gehörte einfach eine gehörige Portion Idealismus dazu“, sagt Rudolf Scharer. Trotzdem sollte auch die betriebswirtschaftliche Sicht nicht ganz aus den Augen gelassen werden, denn eine Genossenschaft ist in erster Linie ein    Wirtschaftsunternehmen. Mit einer erwarteten Rendite von etwa vier Prozent über eine Laufzeit von 20 Jahren muss sich die Energiegemeinschaft Weissacher Tal eG nicht verstecken. Da es sich bei den meisten Gründern von Genossenschaften aber   nicht um gelernte Betriebswirte handelt, ist die Expertise des regionalen Genossenschaftsverbandes und der örtlichen Raiffeisenbank eine entscheidende  Hilfe. Zugleich garantiert sie den hohen Standard des Wirtschaftsunternehmens Energiegenossenschaft. „Die Beratung des regionalen Genossenschaftsverbandes sollte man unbedingt in Anspruch nehmen“, rät Scharer. Da beispielsweise bei der Gestaltung der Satzung viele Regelungen für jede Genossenschaft individuell  festgelegt werden, ist die Erfahrung von außen sehr hilfreich. Aber auchin kaufmännischer Hinsicht hilft der Verband bei der Planung. Dadurch wird die Unternehmensform der Genossenschaft zu einem sicheren  Rahmen, um das Engagement der  Bürger für die Erneuerbaren Energien in konkrete und wirtschaftlich sinnvolle Projekte zu lenken. Aber nicht nur externe Expertise sollte bei genossenschaftlichen Unternehmen hinzugezogen werden. Auch die internen Stärken tragen zu einer  erfolgreichen Energiegenossenschaft bei. „Der Vorstand und eventuell auch der Aufsichtsrat sollten mit fachkundigen Personen besetzt werden“, betont Scharer. Kaufmännisches und auch technisches Know-how sind in jeder Genossenschaft gefragt.

Kommune und Genossenschaft arbeiten Hand in Hand
Ihren Erfolg verdankt die Energiegemeinschaft Weissacher Tal auch dem kommunalen Engagement für das Unterfangen. „Man sollte vorab Kontakt mit der Kommunalaufsicht aufnehmen und so früh wie möglich den Bürgermeister für die eigene Sache gewinnen“, rät Scharer. Die Möglichkeiten der Kommune beginnen schon bei der Bereitstellung von Dachflächen. Diese Flächen sind im Vergleich zu denen privater Eigentümer oft größer und als Kraftwerksstandort besser geeignet. Über eine Energiegenossenschaft kann hingegen viel mehr regionales Beteiligungskapital bereitgestellt werden, als dies durch die Kommune selbst oder einen einzelnen Investor aus der Region möglich wäre. „Am Anfang der gemeinschaftlichen Gründungeiner Energiegenossenschaft gibt es für die Gründer viele neue Aufgaben“, resümiert Scharer. Der Blick zurück macht deutlich: Die Kommunen können einen entscheidenden Beitrag für den erfolgreichen Start einer Energiegenossenschaft liefern, auch  indem sie als oder zusammen mit Experten die notwendige Vorarbeit leisten und durch Veranstaltungen informieren. Die Kommune kann also nicht nur ideelle, sondern insbesondere infrastrukturelle Unterstützung leisten. Umgekehrt ermöglichen  Energiegenossenschaften gerade in kleinen Kommunen ohne Gemeinde- oder Stadtwerk die Umsetzung konkreter Projekte. Energiegenossenschaften wie die Energiegemeinschaft Weissacher Tal zeigen, dass eine Versorgung mit Erneuerbaren  Energienaus Bürgerhand realisiert und so der Weg in eine dezentrale Energieversorgung geebnet werden kann. Alle Einwohner in Weissach im Tal profitieren von den zusätzlichen Steuereinnahmen, den Aufträgen für Planung und Handwerk, den  nachfolgenden Investitionen und nicht zuletzt dem Klimaschutz.