Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Energiegenossenschaft Lieberhausen eG, Gummersbach

Herbst 1997: In der rheinländischen Gemeinde Lieberhausen, einem Ortsteil von Gummersbach, tagt der Vorstand des Heimatvereins. Die Kommune plant die Sanierung des Abwasserkanals. Es wird diskutiert, ob man die Gelegenheit nicht auch für  ein neues Energienetz nutzen könnte, das auf regenerative Energien setzt. Wie aber kommt man von einemoffenen Graben zur Energieversorgung für ein ganzes Dorf? Wo fängt man bei solch einem Projekt an?
„Der erste Weg führte zu unserem regionalen Energieversorger“, sagt Bernd Rosenbauer, Mitinitiator und heute Vorstand der Energiegenossenschaft Lieberhausen eG. „Wir fragten nach den Kosten, die für ein umweltfreundliches Energienetz auf jeden Einwohner zukommen würden. Bei den genannten Preisen haben wir aber sofort abgewunken.“ Für jeden Hausanschluss sollten rund 12.000 Euro bezahlt werden. Doch damit war die Idee nicht gestorben, es musste nur ein anderer Weg gefunden  werden. Dabei galt es, die Bürger von Lieberhausen aktiv einzubinden.

Erst kritisch sondieren, dann solide umsetzen

Die Einwohner reagierten zunächst sehr zurückhaltend und skeptisch. Mehrfach wurde Rosenbauer gefragt, ob Lieberhausen als Versuchsobjekt herhalten solle. Gemeinsam mit interessierten Anwohnern besichtigten die Initiatoren daraufhin zwei   Heizanlagen auf Holzbasis, die über ein Verteilernetz mehrere Wohnhäuser mit Wärmeenergie versorgen. Diese Informationsreisen waren wichtig, um das Meinungsbild im Dorf für das eigene Nahwärmenetz zu wenden. Es wurde eine   Machbarkeitsstudie erstellt – und schon auf der nächsten Jahreshauptversammlung des Heimatvereins wurde das Vorhaben beschlossen. Mit Unterstützung der EnergieAgentur.NRW wurdenverschiedene Umsetzungs- und Finanzierungsmöglichkeiten
diskutiert. Es waren mindestens 40 Haushalte erforderlich, damit sich die Anlage rechnet. Zur Überraschung der Initiatoren haben sofort 42 Hauseigentümer zugesagt, obwohl der kalkulierte Energiepreis über den Kosten für die eigene Ölheizung lag.  Doch schon damals konnte man absehen, dass die Preise für fossile Energieträger auch künftig weiter steigen werden. „Unsere Nachbarn haben sehr rational entschieden. Alle Beteiligten waren sich einig, dass es nicht um eine politische Debatte,  sondern um die gemeinsame Zukunft unseres Dorfes ging“, sagt Rosenbauer. Mittlerweile sind 92 der insgesamt 108 Häuser in Lieberhausen an das Nahwärmenetz angeschlossen. Im April 1999 wurde die Energiegenossenschaft Lieberhausen eG als  Träger des Heizwerks und Nahwärmenetzes gegründet. Diese Rechtsform bildet den passenden Rahmen: für ein Organisationsmodell, das den Anforderungen eines Nahwärmenetzes – also vielen Nutzern – gerecht wird und auf Bürgerbeteiligung setzt. „Die Menschen vor Ort sollten direkt mitentscheiden, denn wir wollten alle für eine aktive Beteiligung gewinnen. Ein Projekt von Bürgern für Bürger, bei dem uns keiner von außen reinreden kann“, so Rosenbauer. Durch die Eigeninitiative der  Einwohner konnten viele Einsparmöglichkeiten bei Planung, Bau und Betrieb der Anlage genutzt werden.

Was im Wald abfällt, wärmt Wohnräume

Die Biowärme wird aus einem Holzhackschnitzel-Heizwerk gewonnen, das mit Material aus den heimischen Wäldern versorgt wird. Die Idee stammt von Rosenbauer, der sich als Förster schon seit den Zeiten seiner Ausbildung mit der Frage    beschäftigt, ob man nicht vom Energieträger Öl auf Holz umsteigen kann. Lieberhausen hat bewiesen, dass es möglich ist. Im Vorfeld waren einige Bürger besorgt, dass für das Kraftwerk der Wald in der Umgebung abgeholzt werden muss. Doch dem  ist nicht so: In den Wäldern der Region fällt durch die gewöhnliche Waldpflege mehr als genug Holz an. Die Genossenschaft bezieht das Material über die jeweils zuständigen Forstämter und kooperiert sehr eng mit der Forstbetriebsgemeinschaft Lieberhausen sowie größeren privaten Forstverwaltungen der Region. Das Holzheizwerk ist mit einer Vorschubrostfeuerung ausgestattet, deren Nennleistung 970 Kilowatt beträgt. Diese Art der Feuerung ist sehr robust und erlaubt die Verwendung von Brennstoff  mit unterschiedlichen Korngrößen wie Sägemehl,Rindenstücken oder längere Holzspeißeln. In einer 3.600 Kubikmeter fassenden Lagerhalle, die von der Genossenschaft im Jahr 2004 errichtet wurde, wird das Heizmaterial  vorgetrocknet. Über ein Vorratssilo werden die Hackschnitzel dann vollautomatisch dem Holzofen zugeführt, der dasWasser für die Wärmeversorgung auf 90 Grad Celsius erhitzt. Um für Störfälle gewappnet zu sein, steht ein Ölkessel mit einer  Wärmeleistung von 1.400 Kilowatt zur Verfügung. Für die Heizzentrale und 6.230 Meter Rohrleitungen mussten 1,7 Millionen Euro aufgebracht werden. Die Mitglieder zeichneten Genossenschaftsanteile im Wert von 90.000 Euro. Der Beitrag für die Genossenschaft wurde auf 1.050 Euro festgelegt, etwa 1.500 Euro waren als Trassengebühr zu entrichten. Rund 3.000 Euro wurden für die Hausübergabe fällig, so dass jeder Haushalt insgesamt etwa 5.500 Euro an Anschlusskosten investieren musste. Im Durchschnitt spart ein Altbauhaushalt etwa 1.000 Euro pro Jahr an Energiekosten, so dass sich die Anlage bereits im sechsten Jahr gerechnet hat. Außerdem benötigt man keinen Schornstein mehr und es werden auch keine Gefahrstoffe mehr im Haus gelagert. Da Tank und Heizkessel aus dem Haus verschwinden, hat man darüber hinaus einen zusätzlichen Kellerraum gewonnen. Die Anlage wurde mit einem Kredit bei der KfW-Bankengruppe und einer Förderung in Höhe von 700.000 Euro finanziert.

Ehrenamtliches Engagement senkt die Kosten
Dass das Projekt so schnell und so preisgünstig realisiert werden konnte, ist dem großen Engagement der Bürger von Lieberhausen zu verdanken. In mehr als 5.000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit haben sie tatkräftig beim Bau der Anlage mitgewirkt  und beispielsweise die Gräben für die Hausanschlussleitungen selbst ausgehoben. Auch Betrieb und Abrechnung beruhen größtenteils auf ehrenamtlicher Arbeit. Kontrolliert wird die Anlage in Eigenregie auf 400-Euro-Basis. Zudem muss der Ofen  einmal im Quartal gereinigt werden – auch diese Arbeit übernehmen die Mitglieder. Das hält die Betriebskosten niedrig und stärkt zugleich die Dorfgemeinschaft. „Nach zehn Jahren hat sich bei uns einiges verändert“, sagt Rosenbauer. „Der  Energieversorger, der unser Vorhaben damals vielleicht etwas belächelt hat, wird heute von uns mit Brennstoffen und Know-how unterstützt.“ Neben der Wärmelieferung hat sich bei der Genossenschaft der Geschäftsbereich ’Holzaufbereitung und  -vertrieb’ etabliert. Etwa 40 Prozent des Umsatzes werden inzwischen durch die Holzvermarktung von Hackschnitzeln und Kaminholz erwirtschaftet, entsprechend wurde der Zweck der Genossenschaft in der Satzung angepasst. Mittlerweile werden  die Lieberhäuser von anderen interessierten Gemeinden und Interessengruppen besucht. Der Wissenstransfer und die Vorplanungen für andere Dörfer sind inzwischen eine weitere Einnahmequelle für die Genossenschaft. Über die inzwischen fast 600  Besuchergruppen freuen sich aber auch der Gasthof und die Pensionen. Die Zusammenarbeit im Dorf hat sich durch die Genossenschaft ebenfalls verändert: Früher wurde häufig diskutiert und gestritten – heute werden Entscheidungen viel schneller  getroffen. So fiel die Entscheidung für die Investition der Genossenschaft in eine Photovoltaikanlage innerhalb von nur zehn Minuten. Nachahmern empfiehlt Rosenbauer einen langenAtem. Wenn es ein wirtschaftlich tragfähiges Konzept gebe, dürfe  man sich durch Rückschläge nicht entmutigen lassen. Man müsse die Menschen mit guten Argumenten überzeugen, Wege und Hindernisse aufzeigen und ehrlich miteinander umgehen. „Es ist das Unsichtbare, das Nichtmaterielle an diesem Vorhaben,  das so aufwändig, aber auch so wichtig für den gemeinsamenErfolg ist. Eine zeitnahe und umfassende Informationstand bei uns immer ganz oben auf der To-do-Liste.“