Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Energiegenossenschaft Starkenburg eG

Den Ausbau regenerativer Energien befürworten viele Menschen. Die Zustimmung gerät jedoch immer wieder ins Wanken, wenn ein Energieprojekt vor der eigenen Haustür umgesetzt werden soll. Vor allem die Windkraft stößt vielerorts auf  Widerstand der Anwohner. Eine Region in Südhessen hat mit der Gründung einer Genossenschaft einen nüchternen und pragmatischen Umgang mit der Klima schonenden Energieform gesucht. „Wer draufschaut, soll auch den Nutzen haben“, sagt  Micha Jost, Vorstand der Energiegenossenschaft Starkenburg eG. Jost war schon seit geraumer Zeit von der Idee begeistert, in seiner Heimatregion nicht mehr nur Photovoltaikanlagen über eine Bürgergenossenschaft zu realisieren. Auch für Windräder, die hinsichtlich Finanzierung, Planung und Bau wesentlich aufwändiger sind, schwebte ihm dieses Modell vor. Beim ersten genossenschaftlichen Bürgerwindrad half der Zufall: Für eine bereits genehmigte Windkraftanlage auf dem Gebiet der Gemeinde Seeheim-Jugenheim wurde noch eine Finanzierung gesucht.

Das Genossenschaftsmodell schafft Akzeptanz
Auf der „Neutscher Höhe“ waren seit längerer Zeit zwei Windräder geplant. „Die öffentliche Meinung in der unmittelbaren Nachbarschaft war eindeutig gegen das Vorhaben und auch die lokale Presse war sehr zurückhaltend“, sagt Jost, der  hauptberuflich als Umweltbeauftragter einer südhessischen Gemeinde tätig ist. „Wir sind am Anfang gewissermaßen gegen den Wind gestartet.“ Doch als die Bürger der angrenzenden Gemeinden Seeheim-Jugenheim, Modautal und Mühltal die  Möglichkeit bekamen, sich über die Genossenschaft an der Windkraftanlage zu beteiligen, stieg die Akzeptanz für das Projekt WindSTARK 1. 230 Menschen der Region haben in das Windrad investiert. Fast die Hälfte von ihnen sind Anwohner aus der  unmittelbaren Umgebung. Die Energiegenossenschaft wurde im Dezember 2010 in Heppenheim gegründet. Sie versteht sich als ein politisch neutraler Zusammenschluss von Menschen, die in der Region Starkenburg die regenerative Energieerzeugung voranbringen wollen. „Wir sind bestrebt“, so Jost, „zunächst immer die Menschen einzubinden, die in der Nähe zu den Projektorten wohnen.“ Vor allem sollen Mitbürger involviert werden, die über kein eigenes Haus oder das Kapital  für eine eigene Anlage verfügen. Da von Anfang an die Windenergie mit ihrem vergleichsweise hohen Bedarf an Eigenkapital im Fokus stand, wählte man bewusst einen regionalen Ansatz. Dadurch sollten möglichst viele Menschen in mehreren  Kommunen erreicht werden. „Wir waren sehr überrascht, wie viel privates Vermögen in unserer Region vorhanden ist und mit welcher Bereitschaft die Menschen in die neue Genossenschaft investiert haben“, sagt Jost. Auch der Aufwand für ein Windenergieprojekt ist für gewöhnlich nicht mit dem für eine Photovoltaikanlage zu vergleichen. Komplexes Planungsrecht, langwierige Genehmigungsverfahren, technischer und juristischer Sachverstand, aufwändige Wartung und Reparatur sowie Versicherungen und Betriebsführung machen Windkraft wesentlich anspruchsvoller als alle anderen regenerativen Energien. Etwa zwei Jahre muss man von der Planung bis zur Umsetzung rechnen. Aus dem Stand kann eine neue Genossenschaft dies  in der Regel nicht leisten. Deswegen arbeiten die Starkenburger mit einem sehr erfahrenen Projektentwickler aus Heppenheim zusammen.

Seriöse Kalkulation
Ganz ohne Gegenwind ging es bei WindSTARK 1 allerdings auch trotz der genossenschaftlichen Beteiligung nicht. Nach einer abschließenden Klärung durch das Verwaltungsgericht Darmstadt war es dann aber soweit: Auf der Neutscher Höhe wurde am 30. Juli 2011 der erste Spatenstich für das Windrad gesetzt. Etwa fünf Millionen Kilowattstunden Strom werden hier jährlich erzeugt. Damit können rechnerisch 1.250 Haushalte mit Strom versorgt werden. Jedes Jahr werden rund 2.800 Tonnen  CO2 eingespart. Das Finanzierungsvolumen von Wind-STARK1 beträgt rund 3,5 Millionen Euro.Als „Aufwärmübungen“ bezeichnet Jost hingegen die Photovoltaikanlagen der Genossenschaft. Sie wurden wenige Wochen vor dem Baubeginn des  Windrads realisiert. SolarSTARK 1 heißt eine Anlage auf dem Dach einer Firmenwerkshalle in Heppenheim mit 140 Kilowatt-Peak. Das Projekt SolarSTARK 2 mit 19,5 Kilowatt-Peak wurde auf der neu sanierten Bürgerhalle in Ober-Laudenbach installiert. Gemäß der eingangs erwähnten Philosophie der Starkenburger wurde die Beteiligung in erster Linie den Heppenheimern beziehungsweise Ober-Laudenbachern angeboten. Zur Philosophie der Genossenschaft gehört es auch, dass vorsichtig  kalkuliert wird. Jost: „Wir garantieren den Menschen lieber weniger, als sie mit überhöhten Renditeerwartungen im Nachhinein zu enttäuschen. Da wir alle in der Gegend wohnen, können wir uns gar nichts anderes erlauben.“ Der schnelle  Euro ist mit der Genossenschaft somit nicht zu machen. Die Investition ist eine langfristige und nachhaltige Geldanlage in den Klimaschutz und auch ein Anreiz, sich als Mitglied mit dem Thema vor Ort zu beschäftigen.

Mitglied werden
Genossenschaftsmitglied wird man durch den Erwerb von zwei Geschäftsanteilen à 100 Euro. Für ein bestimmtes Energieprojekt stellt das Mitglied der Genossenschaft zusätzlich ein nachrangiges Darlehen in Höhe von 1.800 Euro zur Verfügung. Der  Zinssatz der Darlehen – mit einer Laufzeit von 20 Jahren – wird für jedes Projekt gesondert kalkuliert. Dabei wird defensiv gerechnet. Sollten die Energieprojekte der Genossenschaft insgesamt mehr abwerfen, wird dieser Mehrertrag auf Basis der  gezeichneten Geschäftsanteile an die Mitglieder verteilt. Über die Höhe dieser Zahlungen entscheiden übrigens die Mitglieder selbst auf der Generalversammlung. Auf der Internetseite www.energiestark.de werden die geplanten Energieprojekte mit  einer Kurzinformation vorgestellt. Interessenten können eine Broschüre mit einer umfassenderen Projektbeschreibung bestellen. Wer ernsthaft mitmachen möchte, kann sich dann mit der gewünschten Beteiligungshöhe registrieren. Sind genügend  Interessenten zusammengekommen, werden ihnen die Unterlagen – also Mitgliedschaftsantrag und Darlehensvertrag – für eine verbindliche Projektbeteiligung zugesandt. „Mit dieser Vorgehensweise werden Interessenten schrittweise an die Projekte  herangeführt. Wir möchten nicht wie ein Versicherungsvertreter auftreten, sondern wollen, dass sich die Menschen mit den Projekten länger beschäftigen und deren Entwicklung verfolgen.“ Die Finanzierung des Windrads wurde gemeinsam mit der  Energiegenossenschaft Odenwald realisiert. Mittlerweile halten die Initiatoren der Energiegenossenschaft andernorts viele Vorträge. Bei Bürgerversammlungen und  Gesprächen machen sie die Erfahrung, dass das Thema Windkraft viele Bürger in den Bann zieht, sie sich aber auch sehr für das Thema Genossenschaft interessieren. Für Micha Jost hat diese Unternehmensform eine sehr emotionale Seite: „Der  Genossenschaftsgedanke hat so etwas wie eine Seele, damit wird der Kopf, aber auch das Herz angesprochen.“