Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Energieversorgung Honigsee eG

Die Gelegenheit war günstig: Am Rande der schleswig-holsteinischen Gemeinde Honigsee wurde eine Biogasanlage errichtet, deren Abwärme für das Beheizen von Gebäuden genutzt werden konnte. Doch weder die Kommune noch ein Energieversorger kamen als Betreiber des Energienetzes in Frage. Es musste von den Bürgern selbst in die Hand genommen werden. Wie aber überzeugt man 450 Menschen? Und mit welchen Hürden muss man rechnen?„Der Impuls für unser  Nahwärmenetz ging damals von zwei Landwirten aus, die in eine Biogasanlage investiert hatten“, erinnert sich Dr. Frank Heblich, heute ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Energieversorgung Honigsee eG. Das Biogas wird über zwei Blockheizkraftwerke verstromt, für die dabei anfallende Abwärme gab es jedoch zunächst kein Nutzungskonzept. „Eines Abends saßen wir mit einigen Einwohnern und Energieversorgung Honigsee eG dem Bürgermeister im Garten und diskutierten, ob man die Wärme nicht zum Beheizen von Wohnhäusern nutzen könnte.“

Eine Handvoll engagierter Bürger ging der Sache auf den Grund und organisierte einen Besuch des Bioenergiedorfs Jühnde. „Wir hatten anfangs keine Vorstellung, was auf uns zukommen würde und wie wir konkret anfangen sollten. Wir konnten also viel von anderen lernen“, so Heblich. Vor Ort in Jühnde haben sich die Initiatoren von den Möglichkeiten überzeugen lassen. Jetzt mussten sie noch die Einwohner von Honigsee dafür gewinnen. Zuallererst fragten sie den jährlichen Verbrauch an Heizöl beziehungsweise Gas ab. Damit hatten sie eine grobe Kalkulationsbasis und einen Baustein für eine wirtschaftliche Machbarkeitsstudie.

Bürgerengagement rechnet sich

Erste Berechnungen ergaben eine Investitionssumme von mehr als einer Million Euro. Die Gemeinde selbst konnte den Betrag nicht als alleiniger Investor aufbringen und auch regionale Stadtwerke und Energieversorger lehnten das Angebot ab.  Heblich: „Denen war das finanzielle Risiko viel zu hoch. Sie stellten nüchtern fest, dass es sich nicht rechnen würde.“ Also mussten die Bürger die Sache selbst in die Hand nehmen. Mit Erfolg: Die Honigseer haben sich mit viel ehrenamtlicher Tätigkeit für das eigene Nahwärmenetz eingesetzt. Die Initiatoren hatten im Vorfeld mehrere Informationsveranstaltungen abgehalten, um die Einwohner für das gemeinsame Nahwärmenetz zu gewinnen. Sie konfrontierten ihre Nachbarn offen
und ehrlich mit der Devise „Ganz oder gar nicht“. Damit sich die Anlage rechnen konnte, musste jeder freiwillig seine Ölheizung stilllegen und sich zur Wärmeabnahme über das neue Netz verpflichten. „Das löste in vielen Köpfen die Befürchtung aus,
in einem kalten Winter womöglich ganz ohne Heizung dazustehen“, so Heblich. Doch diese Befürchtungen konnten ausgeräumt werden, schließlich gab es viele gute Argumente für das gemeinsame Netz: etwa die Unabhängigkeit von großen  Energieversorgern und die immer weniger kalkulierbaren Preise für fossile Brennstoffe. Auch die Vorstellung, die alte, meist großvolumige Heizungsanlage im Keller gegen eine kleine Übergabestation zum Wärmenetz auszutauschen, kam gut an. Der zusätzliche Raumgewinn und ein verbesserter Wohnkomfort erleichterten somit die Investitionsentscheidung. Vielen war es zudem wichtig, sich für eine saubere und klimaschonende Energieerzeugung zu engagieren. Vor allem aber lockte die Aussicht auf niedrige und transparente Heizkosten.

Information und Transparenz
Das Rohrnetz wurde im Spätsommer 2007 verlegt. Während der viermonatigen Bauzeit wurden die Bürger in wöchentlichen Informationsveranstaltungen über Baufortschritt und Beeinträchtigungen aufgeklärt. „Wir haben mit den Anwohnern rechtzeitig über Straßensperrungen oder Baulärm gesprochen. Letztendlich war die aktive und vorausschauende Information wesentlich für die Akzeptanz bei den betroffenen Mitbürgern – auch wenn es mal nicht planmäßig lief“, resümiert Heblich. „Wir sind in  der Bauphase immer wieder auf Planungslücken gestoßen, die Geld und Zeit gekostet haben. Ob das nun Findlinge unter der Straße oder nicht geplante Bohrungendurch Hauswände gewesen sind.“ Auch diese Verzögerungen und nicht einkalkulierten  Kosten wurden offen und transparent dargelegt. Für die Akzeptanz des eigenen Nahwärmenetzes war schließlich auch die Rechtsform wichtig: „Wenn man viele Bürger beteiligen möchte, bürgerschaftliches Engagement und Eigeninitiative groß  geschrieben werden und der Normalverdiener genau so viel zu sagen haben soll wie der Millionär, dann bleibt nur die Genossenschaft“, erläutert Heblich. Die Genossenschaft ist demokratisch strukturiert, das heißt, alle Mitglieder haben unabhängig  von der Höhe ihrer Beteiligung nur eine Stimme und damit das gleiche Mitspracherecht. Sie kann somit auch nicht von einem externen Investor aufgekauft werden. Eine Genossenschaft wird professionell von einem Vorstand und einem Aufsichtsrat  geführt und ist mit einer Insolvenzquote von nur 0,1 Prozent die sicherste Rechtsform in Deutschland. Dazu trägt auch die Beratung und Prüfung durch den Genossenschaftsverband bei.

Kosten auf mehrere Schultern verteilt
Die gesamte Investitionssumme konnte schließlich auf 630.000 Euro reduziert werden, vor allem weil die Bürger viele Arbeiten selbst durchführten. So hoben sie zum Beispiel die Hausanschlussgräben für die Rohrleitungen auf den eigenen Grundstücken selbst aus. Außerdem hatte die Gemeinde schon Jahre zuvor geplant, die Straßenbeleuchtung zu erneuern. Die Aushubarbeiten dafür konnten nun mitgenutzt werden. Gemeinde und Genossenschaft sparten dadurch jeweils 30.000 Euro. Ein Großteil des Rohrnetzes wurde zudem auf unbebauten Wiesengrundstücken und Randflächen verlegt. Die Finanzierung des Wärmenetzes wurde auf mehrere Schultern verteilt. Zum einen zeichneten die Mitglieder Geschäftsanteile der Genossenschaft – mindestens 15 Anteile zu 100 Euro. Auf diese Weise kamen etwa 65.000 Euro Eigenkapital zusammen. Zum anderen beteiligte sich die Kommune mit rund 100.000 Euro an der Genossenschaft. Aus der Gemeinderücklage  wurden Genussscheine von der Genossenschaft gekauft, die mit drei Prozent über dem Basiszinssatz verzinst und spätestens nach 20 Jahren zurückgezahlt werden. Darüber hinaus wurde eine Förderung von 100.000 Euro – eine Investitionshilfe des Schleswig-Holstein-Fonds – bewilligt. Den restlichen Betrag stellte die örtliche Raiffeisenbank als Kredit zur Verfügung. Am 1. Oktober 2007 war es dann soweit: Das Nahwärmenetz wurde mit 38 Häusern und 54 Wohneinheiten in Betrieb genommen.  Die Mitglieder zahlen seither 3,8 Cent pro Kilowattstunde abgenommene Wärme und eine monatliche Grundgebühr von 12 Euro. „Unsere Energiekosten sind so niedrig, dass am Ende sogar die Einwohner mitgemacht haben, die gerade erst vor einem dreiviertel Jahr ihre Ölheizung erneuert hatten“, so Heblich. Der CO2-Ausstoß der Gemeinde wird durch das Nahwärmenetz um etwa 30 Prozent gesenkt. Nachahmern empfiehlt Heblich neben der Information und Transparenz sowie der  aktiven Beteiligung der Mitbürger vor allem den Besuch von erfolgreichen Bioenergiegemeinden. „Man muss sich die Zeit nehmen und mit erfahrenen Initiatoren sprechen, die selbst in der gleichen Anfangssituation gewesen sind. Dann begeht man einfach weniger Fehler, die am Ende viel Geld kosten können.“