Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Medizinische Kooperation Görlitz eG, Görlitz

Niedergelassene Ärzte sind freiberuflich tätig. In den vergangenen Jahren haben aber Kooperationen zwischen den Berufsträgern deutlich zugenommen. Für eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe ist die eingetragene Genossenschaft gut geeignet.

„Für uns ist die Kooperation mit Berufskollegen wichtig, um Ressourcen zu sparen und uns fachlich auszutauschen“, sagt Dr. Wolfram Oettler, Vorstand der Medizinische Kooperation Görlitz eG. Vor einigen Jahren begann man in einer Gruppe ambulant tätiger Fachärzte vor Ort zu diskutieren, wie den aktuellen Herausforderungen im Praxisbetrieb begegnet werden kann. „Uns ging es vor allem darum, gemeinsam die Kosten bei der täglichen Arbeit zu senken. Zugleich sollte aber auch unsere Unabhängigkeit erhalten bleiben“, so der Mediziner aus Sachsen weiter. Viele Kooperationsformen im Gesundheitswesen schränken diese aber ein.

Gemeinsames Ärztehaus
Im Jahr 2011 wurde die Genossenschaft von acht niedergelassenen Ärzten aus unterschiedlichen Bereichen ins Leben gerufen. Neben Allgemeinmedizinern sind Fachärzte für Gefäßmedizin, Gastroenterologie, Nuklearmedizin und Radiologie beteiligt. Das wichtigste Projekt der Genossenschaft ist das gemeinsame Haus im Westen der Stadt. Das Gebäude wurde im September 2012 bezogen. Seither arbeiten neben den Mitgliedsärzten auch eine Apotheke, ein Sanitätshaus und eine Physiotherapie unter einem Dach.

Das Görlitzer Gemeinschaftsunternehmen folgt einem Trend zu Ärztekooperationen, der seit einigen Jahren in ganz Deutschland zu beobachten ist: Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts infas für den Ärztemonitor 2014 arbeitet mittlerweile jeder zweite Arzt in einer Gemeinschaftspraxis, einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) oder einer Praxisgemeinschaft. Und diese Entwicklung im ambulanten Bereich hält weiter an. Mehr als 10 Prozent der befragten Ärzte, die noch nicht kooperieren, haben konkrete Pläne für eine Zusammenarbeit.
Insbesondere junge Ärzte suchen nach Möglichkeiten, die Belastungen einer eigenen Praxis nicht allein schultern zu müssen. Die Situation spitzt sich auch von einer anderen Seite zu: Viele Praxen stehen vor einem Nachfolgeproblem. Bundesweit plant jeder vierte Arzt in den nächsten fünf Jahren die Übergabe seiner Praxis. „In Sachsen sind 65 Prozent der Hausärzte über 65 Jahre alt. Man kann diesen Übergang fördern, indem gemeinschaftliche Strukturen für den Praxisbetrieb aufgebaut werden“, so Oettler.

Gegenstand und Umfang der Kooperation zwischen Ärzten können sehr verschieden sein. Die Palette reicht von unverbindlichen Austauschgremien und Qualitätszirkeln über Einkaufsgemeinschaften bis hin zu gemeinschaftlichen Gesundheitsunternehmen. Die Kooperationsmotive variieren entsprechend: Die gemeinsame Versorgung und Erweiterung des Leistungsspektrums, die Kostenteilung im Praxisbetrieb, die Stärkung der wirtschaftlichen Position oder der fachliche Austausch. Auch berufspolitische Intentionen sind wichtig, wie etwa die Stärkung einer bestimmten Ärztegruppe im Zusammenspiel von Krankenkassen, Kassenärztlichen Vereinigungen und Politik. Kooperationsmöglichkeiten bestehen zudem mit Krankenhäusern oder anderen Leistungsanbietern wie Apotheken oder Physiotherapeuten.

Gemeinschaftspraxen, MVZ und Praxisgemeinschaften
Ärztekooperationen können als Gemeinschaftspraxen ausgestaltet sein. Hier sind gleiche oder verwandte Fachgebiete in gemeinsamen Räumlichkeiten, mit gemeinsamer Büroorganisation und Abrechnung organisiert. Leistungen für den Patienten können von dem einen oder anderen Arzt erbracht werden. Die Gemeinschaftspraxis tritt somit als Einheit gegenüber Patient und Krankenkasse auf. Eine besondere Variante sind Medizinische Versorgungszentren, in denen fachübergreifend zusammengearbeitet wird. Oettler: „Medizinische Versorgungszentren erfahren vor allem in Ballungszentren Zuspruch. Probleme können aber entstehen, wenn die Behandlungspfade der Patienten doch nicht unter einem Dach abgebildet werden“.

Die Görlitzer folgen hingegen dem Modell der genossenschaftlich organisierten Praxisgemeinschaft, in der gemeinsame Einrichtungen benutzt werden, jeder Arzt in der Berufsausübung aber unabhängig gegenüber seinen Kollegen bleibt. Für Oettler hat diese Organisation auch etwas Motivierendes für die individuelle Weiterentwicklung. Es bestehe nicht die Gefahr, sich in der Gemeinschaft zurückzunehmen.
Neben dem Gebäude werden auch ein Großteil des Mobiliars und eine Bibliothek von der Genossenschaft bereitgestellt. Zudem wurde die Verwaltungssoftware für die Praxen angeschafft. Gegenstand der Kooperation ist auch eine gemeinsame Bilddatenbank. Zusätzlich zur Kostenteilung hat dies den Vorteil, dass bei der Behandlung eines Patienten – dessen Einverständnis vorausgesetzt – die Dokumente und Befunde eines anderen Kollegen eingesehen werden können. Zu guter Letzt wird das Labor in dem Ärztehaus gemeinschaftlich genutzt.

Genossenschaft für gleichberechtigte Kooperation
Als Rechtsform für Ärztekooperationen kommen der eingetragene Verein, die Gesellschaft bürgerlichen Rechts, die GmbH oder die Genossenschaft in Betracht. Neben typischen Rechtsformfragen wie Finanzierung und Haftung müssen hier auch die gesetzlichen Vorschriften der Berufsausübung beachtet werden. Die Görlitzer Ärzte haben sich für die eG entschieden, da eine gleichberechtigte Kooperation angestrebt wird. „Und wir haben die Genossenschaft gewählt, weil sie am einfachsten zu gründen war. Sie passt am besten zu einer Gruppe von Freiberuflern“, so Oettler. Jedes Genossenschaftsmitglied hat mindestens einen Anteil in Höhe von 2.000 Euro zu zeichnen.

Zukünftig sollen die IT und das Bildarchivierungssystem als Dienstleistung auch anderen Ärztekollegen in der Umgebung angeboten werden, u. a. ist hierfür eine Datenleitung zum naheliegenden Krankenhaus geplant. Auch die Einrichtung eines gemeinsamen Personalpools im Ärztehaus wird diskutiert. Zudem macht man sich Gedanken über weitere Leistungsfelder, ein Zukunftsthema könnte ein eigener Pflegebetrieb für ambulante Hauskrankenpflege sein.

Die Kooperation in einer Praxisgemeinschaft kann Oettler seinen Ärztekollegen nur empfehlen. Auch wenn Mediziner typischerweise Einzelkämpfer seien, für die freiberufliche Tätigkeit sei ein Umdenken zu mehr Kooperation unumgänglich.

Link zur Genossenschaft
 

Bildquelle: Medizinische Kooperation Görlitz eG