Neuauflage: Friedrich Wilhelm Raiffeisen: „Die Darlehnskassen-Vereine“

17. Mai 2017

Im März 1866 veröffentlichte Friedrich Wilhelm Raiffeisen erstmals seinen Ratgeber „Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Not“. Darin schilderte er seine Erfahrungen mit der Errichtung genossenschaftlich organisierter Darlehnskassen im Kampf gegen den damaligen Wucher und die Verarmung der ländlichen Bevölkerung. 150 Jahre später gibt es das wegweisende Werk in einer neuen Auflage.

„Die Darlehnskassen-Vereine“ war Raiffeisens erstes Buch, dessen regelmäßige Überarbeitung ihn in seinen weiteren Lebensjahren noch vielfach beschäftigen sollte. Bis zu seinem Tod 1888 erschienen noch vier weitere von ihm selbst bearbeitete Auflagen, jeweils kritisch geprüft und um zwischenzeitlich gewonnene Erfahrungen ergänzt. Seine schöpferische Leistung nötigt umso mehr Respekt ab, wenn man seinen angegriffenen Gesundheitszustand bedenkt: Als Bürgermeister hatte er sich während einer Typhusepidemie in seinem Amtsbezirk mit einem Nervenfieber infiziert. Seither litt er unter wiederkehrenden nervösen Störungen, die mehrfach zu einer zeitweisen Arbeitsunfähigkeit führten.

Mit seinem Schaffen trug Raiffeisen wesentlich zur Ausbreitung der Genossenschaftsidee bei. „Vater Raiffeisen“ nannten ihn die Genossenschaftler schon zu seinen Lebzeiten voller Anerkennung. Sein Name steht bis heute nicht nur in Deutschland als Synonym für die mitgliederbestimmten Selbsthilfeeinrichtungen. Damit hat der Bürgermeister aus dem beschaulichen Westerwald wohl tatsächlich „mehr erreicht als Karl Marx“, wie der spätere Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes, Theodor Sonnemann, 1965 einen Artikel über Raiffeisens Lebenswerk überschrieb.

Heute entfaltet die Genossenschaftsidee nach wie vor ihre Kraft und Raiffeisen ist als einer ihrer Gründerväter in vieler Munde. 2016 wurde die Idee und Praxis der deutschen Genossenschaften von der Unesco als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt – und damit auch die Leistung Raiffeisens einmal mehr gewürdigt. Doch schon der Herausgeber der siebenten Auflage von Raiffeisens Ratgeber, Hugo Tillmann, stellte 1951 in seinem Vorwort fest, dass „der Anteil der lebenden Genossenschaftler in Deutschland, die das Buch studiert haben, nicht allzu groß sein dürfte“ – eine Einschätzung, die wohl auch heute noch unverändert zutrifft.

Doch das muss nicht so bleiben: 150 Jahre nach der Erstveröffentlichung will der vorliegende Reprint Raiffeisens genossenschaftliches Wirken neuen Generationen nahe bringen. Als Beitrag zur Bewahrung originären Gedankengutes lädt er ein, in die Gedankenwelt Raiffeisens einzusteigen – und so auch die ganze Person, seine Ansichten, Ideen und Überlegungen, näher kennen zu lernen. Gleichzeitig will das Buch dazu ermuntern, Vergleiche anzustellen, welche schon von Raiffeisen angedachten Grundprinzipien noch heute gelten und wo sich die Genossenschaftsidee weiter entwickelt hat.

Für diese Neuveröffentlichung wurde Raiffeisens Text behutsam orthografisch modernisiert. Zudem wurde ihm ein kurzer Abriss der Biografie Friedrich Wilhelm Raiffeisens vorangestellt, um die Einordnung in das Lebenswerk des Genossenschaftspioniers zu erleichtern.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen: „Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Not“, 150 Jahre nach der Erstveröffentlichung überarbeitet und neu herausgegeben von Marvin Brendel, 148 Seiten, 10,80 Euro, ISBN 978-3-7450-6632-6

Weitere Informationen online unter: http://genossenschaftsgeschichte.info/genodition/friedrich-wilhelm-raiff...

ÜBER DEN AUTOR: Marvin Brendel, Jahrgang 1979, betreibt als Wirtschaftshistoriker das GeschichtsKombinat, eine Agentur für Firmengeschichte und Historische Kommunikation. Seit über zehn Jahren forscht er zur Entwicklung der deutschen Genossenschaften. Die Ergebnisse seiner Arbeit publiziert er unter anderem auf seiner Webseite http://genossenschaftsgeschichte.info.