Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

NEW - Neue Energien West eG, Grafenwöhr

Das Autokennzeichen ist in vielen Landkreisen das verbindende Element von Städten und Gemeinden. Viele Bürger identifizieren sich mit ihrem Nummernschild, vor allem wenn sie mit dem Auto im Urlaub unterwegs sind. Gemeinsame  Energiekonzepte über Gemeindegrenzen hinweg sind indes mitunter schwierig umzusetzen. Nicht so im Landkreis Neustadt an der Waldnaab. Eine junge Genossenschaft zeigt, wie Kommunen gemeinsam mit ihren Bürgern die Versorgung mit Erneuerbaren Energien ausbauen können. „Wir haben das Autokennzeichen bewusst als Firmennamen gewählt, um die interkommunale Zusammenarbeit in unserer Heimatregion zu betonen“, sagt Helmut Amschler, Aufsichtsratsmitglied der NEW – Neue Energien West eG und Vorstand der Stadtwerke Grafenwöhr. NEW steht heute somit nicht nur für den Landkreis Neustadt (Waldnaab) in der nördlichen Oberpfalz, sondern auch für die interkommunale Energiegenossenschaft.

Unter dem Leitspruch „Aus der Region – für die Region“ haben sich im Februar 2009 zehn Städte und Gemeinden zusammengeschlossen, um bis zum Jahr 2030 ihre Energieversorgung auf Erneuerbare Energien umzustellen. Die Initiative zur Gründung  der Genossenschaft ging von den Stadtwerken Grafenwöhr aus, die sich schon seit längerer Zeit mit der Frage beschäftigten, wie man nicht nur in der eigenen Gemeinde, sondern gemeinsam mit anderen Kommunen in der Heimatregion  regenerative Energien fördern könnte. So wurde die Idee einer interkommunalen Genossenschaft entwickelt und der Verwaltungsrat der Stadtwerke überzeugt. Die Kommunalvertreter waren begeistert. „Danach bin ich mit einer einfachen
Powerpoint-Präsentation bei verschiedenen Bürgermeistern und Gemeinderäten im Umkreis vorstellig geworden und habe für die gemeinsame Initiative geworben. Nach und nach habe ich alle überzeugen können“, berichtet Amschler. Klare Trennung,  aber unter einem Dach Die NEW ist gewissermaßen das Dach, unter dem Projekte zum Ausbau Erneuerbarer Energien initiiert werden. In der Satzung ist geregelt, dass die Genossenschaft ausschließlich im Bereich der regenerativen  Energien investieren soll. An dem Gemeinschaftsunternehmen sind Kommunen und kommunale Unternehmen der Region direkt beteiligt. Vorausetzung für die Mitgliedschaft ist die Zeichnung von mindestens einem Geschäftsanteil, der auf eine  Summe von 5.000 Euro festgelegt wurde. Bislang sind 16 kommunale Mitglieder mit insgesamt 76 Geschäftsanteilen der Genossenschaft beigetreten. Drei Bürgermeister stellen den Vorstand, die anderen Kommunalvertreter wirken ehrenamtlich im  Aufsichtsrat mit. Auch die Bürger der Region sind an der NEW beteiligt. Sie können allerdings nicht direkt Mitglied werden, sondern erwerben Anteile einer zweiten Genossenschaft: der Bürger-Energiegenossenschaft West eG (BEW). Diese  Genossenschaft ist wiederum vollwertiges Mitglied der NEW. Diese Trennung wurde aus gutem Grund vorgenommen: „Damit wir einerseits die grundsätzlichen Entscheidungen über Standorte und Energieprojekte in der Region und andererseits die  individuellen Entscheidungen einzelner Bürger, die sich für das ein oder andere Energieprojekt in ihrer Gemeinde interessieren, auseinander halten. Mit dieser Dachkonstruktion haben wir das große Ganze für die Region im Blick und zugleich alle  Bürger mit im Boot“, erläutert Amschler.
Die genossenschaftliche Organisationsform erleichtert somit nicht nur die Kooperation und den Interessenausgleich zwischen den Kommunen, sondern auch die aktive Beteiligung der Bürger. An der BEW kann jeder Bürger mitmachen, der bereit ist, mindestens 500 Euro zu investieren. Derzeit halten 750 Privatpersonen 10.000 Anteile an der Genossenschaft. Die Gesamtsumme von 5,15 Millionen Euro wird der NEW für Investitionen zur Verfügung gestellt. Diese Zahlen belegen, dass die Bürger  ihren Kommunen vertrauen und durch die genossenschaftliche Zusammenarbeit niemand übervorteilt wird. Man sieht sich immer zweimal – zum Glück! „Interessanterweise erleichtert der genossenschaftliche Grundsatz ‚Ein Mitglied – eine Stimme‘
die Diskussion und Entscheidungsfindung der Kommunen und Bürger. Es gibt kein Sperrfeuer Einzelner, wie man vermuten könnte, sondern es wird gemeinsam nach ausgewogenen Lösungen gesucht“, so Amschler. Sollte einmal eine Gemeinde nicht  den Zuschlag für ein Projekt bekommen, wird sie zukünftig bei anderen Vorhaben berücksichtigt. Anders als eine einfache Finanzbeteiligung ist die Genossenschaft schließlich ein langfristig angelegtes, regionales Unternehmen. ‚Man sieht sich  immer zweimal im Leben‘ – dieses Prinzip wird hier im positiven Sinne gelebt. Das Vertrauen der Bürger wird auch dadurch gestärkt, dass es keine Nachschusspflicht gibt. Das finanzielle Risiko jedes Einzelnen ist auf die Einlage begrenzt. Die  Genossenschaft ist zudem den Interessen der Mitglieder (und keinem externen Finanzinvestor) verpflichtet, sie ist besonders insolvenzsicher und eine feindliche Übernahme, etwa durch ein großes Energieunternehmen, ist nicht möglich. Schlussendlich hat die BEW auch drei Stimmen im Aufsichtsrat der NEW. Doch für ein Veto gab es bislang keinen Anlass: „Bei uns gibt es keine Hahnenkämpfe“, sagt Amschler. „Es wird sachorientiert zusammengearbeitet, so etwas  wie Parteizugehörigkeit spielt bei den Entscheidungen überhaupt keine Rolle. Jeder hat begriffen, dass es um die Zukunft der Region geht.“ Dazu noch ein Beispiel: In einer Kommune sollte ein Solarpark errichtet werden. Die Stromleitung zum  Versorgungsnetz musste aber über das Gebiet der Nachbargemeinde geführt werden. Andernorts hätte der Streit um das Wegerecht unweigerlich zum Aus für das Projekt geführt. Nicht aber unter dem Dach der NEW. „Nachdem ich geklärt hatte, dass  das örtliche Energienetz zukünftig auch den Strom einer Anlage der anderen Gemeinde aufnehmen könnte, waren Neidgedanken und Wegerecht kein Thema mehr“, erläutert Amschler. Ausgleichend wirkt auch, dass die Mitglieder der NEW und der BEW  – also alle Bürger und Kommunen – die gleiche Verzinsung erhalten. In 2009 wurden 3,25 Prozent und im Jahr darauf 3,8 Prozent gezahlt. Die BEW bietet ihren Mitgliedern zudem weitere Vorteile rund um das Thema Energie: etwa kostengünstige Energieberatung und Thermofotografie für Hausbesitzer, eine Gruppenversicherung für die Eigentümer von eigenen Photovoltaikanlagen oder Einkaufsvorteile bei Reinigungsgeräten.

Leistung? Wachstum? Aber sicher!

Gleich im ersten Jahr wurden drei  Dach-Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 50 Kilowatt-Peak installiert. Sie wurden vollständig mit Eigenkapital finanziert. In 2010 kamen sieben Dach-Photovoltaikanlagen mit 241 Kilowatt-Peak-Leistung   und zwei Freiland-Photovoltaikanlagen mit 3,1 Megawatt-Peak-Leistung hinzu. Die investierte Summe belief sich auf neun Millionen Euro. In diesem Jahr, 2011, sollen weitere Photovoltaikanlagen gebaut werden, darunter zwei Freilandanlagen mit   einer Leistung von 2,1 und 1,8 Megawatt-Peak. Bis zum Ende des Jahres werden damit insgesamt mehr als 7,4 Megawatt-Peak installiert sein. Zukünftig sind Nahwärmenetze und Biomasse- beziehungsweise Holzhackschnitzelanlagen geplant. Nach  eingehender Prüfung sollen an geeigneten Standorten auch Wind- und Wasserkraftwerke errichtet werden – alles nach dem Prinzip ‚Ameisenhaufen’, wie es Amschler nennt. Er meint damit, dass Erneuerbare Energien dezentral verbreitet werden und  die Wertschöpfung in den Regionen gehalten wird. „Desertec und Offshore-Windparks können nicht allein die Zukunft sein. In der Energiewende liegt ein sehr großes Potenzial für die Regionen“, resümiert Amschler. Regionalität, Nachhaltigkeit und  Gemeinschaft werden jedenfalls im Landkreis mit dem Kennzeichen NEW groß geschrieben.