Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Senioren-Wohnen eG, Neukirchen b. Hl.blut

Die Auswirkungen des demografischen Wandels sind in vielen Regionen Deutschlands deutlich zu spüren. Ein wichtiges Thema ist die familiennahe Pflege älterer Menschen. Eine neue Genossenschaft organisiert die Vor-Ort-Betreuung in einer Senioren-Wohngemeinschaft.



„Viele reden über die älter werdende Gesellschaft. Man kann aber auch selbst etwas tun – vor allem in der Gemeinschaft“, sagt Johann Sperl, Vorstandsvorsitzender der Senioren-Wohnen eG in Neukirchen b. Hl. Blut. In der oberpfälzer Gemeinde mit gut 4.000 Einwohnern suchte man bereits in den 1990er Jahren nach einer ortsnahen Pflegeeinrichtung. Etwa 500 Einwohner sind älter als 70 Jahre, davon sogar 200 über 80. Immer mehr Senioren sind auf unterstützende Pflegeleistungen angewiesen. Von den Angehörigen kann dies nicht immer geleistet werden. Und in einem Umkreis von zwölf Kilometern gibt es keine Altenheime.

Anfangs sollte ein auswärtiger Investor – wie in der Nachbargemeinde – ein Alten- und Pflegeheim in Neukirchen errichten. Doch dazu kam es nicht. Daraufhin initiierten Gemeinde und Pfarrei unter dem Motto „Länger leben in Neukirchen b. Hl. Blut“ einen Arbeitskreis. Schon damals kam die Idee der Genossenschaft ins Spiel, allerdings für ein stationäres Pflegeheim mit bis zu 60 Bewohnern. Auch dieser Plan wurde letztlich verworfen. „Es ist sehr schwierig, von null auf hundert zu starten. Man benötigt eine Immobilie, Betreuungspersonal und die finanziellen Möglichkeiten“, erläutert Sperl. Der Genossenschaftsgründer war bis 2011 Vorstand der Raiffeisenbank Eschlkam-Lam-Lohberg-Neukirchen b. Hl. Blut.

Wohngemeinschaft mit ambulantem Pflegedienst
Die Ausgangslage änderte sich, als die Rahmenbedingungen für Wohngemeinschaften mit ambulantem Pflegedienst angepasst wurden. Nach Gesprächen mit dem bayerischen Sozialministerium wurde der Plan zur genossenschaftlichen Lösung wiederbelebt. „Wenn für diese Wohnform ein Bedarf besteht, aber keine professionellen Anbieter vorhanden sind, dann sind eben die Menschen vor Ort zum Handeln aufgerufen“, so Sperl. Eine Umfrage der Gemeinde unter ihren Bürgern ergab, dass man auch genügend Unterstützer und Kapital für das Projekt erhalten würde.

Konkrete Verhandlungen wurden zunächst mit einem Immobilienbesitzer geführt. Auch ein Pflegedienst bekundete Interesse als Dienstleistungspartner. Die Hürde: Der Immobilienbesitzer musste 550.000 Euro investieren. Da ihm das Risiko zu groß war, schloss die Genossenschaft als Generalmieterin einen langfristigen Mietvertrag über 25 Jahre. Sie leistete zudem eine Vorauszahlung der Miete in Höhe von 250.000 Euro. Außerdem sollten die Anlaufverluste durch die Betreuungs- und  Betriebskosten von der Genossenschaft abgedeckt werden. Schließlich wurde noch die Inneneinrichtung vorfinanziert.

Die Gründungsversammlung der Genossenschaft fand im Februar 2011 statt. Ende des Jahres wurden bereits die Wohnräume bezogen. Etwa 100 Bewohner der Gemeinde sind Mitglied der „Senioren-Wohnen eG“. Sie fördern durch ihre Mitgliedschaft die Einrichtung, obwohl sie diese derzeit nicht nutzen. Es wird bei der entsprechenden wirtschaftlichen Voraussetzung zwar eine Dividende gezahlt, die Motivation der Bürger ist jedoch, dass es grundsätzlich eine Versorgung vor Ort gibt. Später – für den Fall der Fälle – besteht dann selbst die Nutzungsmöglichkeit.

Ein Geschäftsanteil kostet 1.000 Euro. Rund 275.000 Euro wurden insgesamt an Geschäftsguthaben gezeichnet. Auch die örtliche Raiffeisenbank ist im Projekt finanziell engagiert. Neben der Pfarrei unterstützt die Kommune in vielerlei Hinsicht: Der Bürgermeister von Neukirchen ist als Vorstand in der Genossenschaft aktiv, sein Amtsvorgänger im Aufsichtsrat.

Regeln für das Zusammenleben
Für das Zusammenleben in der Wohngemeinschaft gibt es ein verbindliches Regelwerk. Das Verwaltungsgremium der Wohngruppe legt diese Spielregeln selbst fest. Vor allem geht es um Fragen der gemeinsamen Haushaltsführung und der Pflege. Die Themen reichen von der Höhe des Haushaltsgelds bis hin zur Haltung von Haustieren. Auch auf einen gemeinsamen Pflegedienst muss man sich einigen. Die Entscheidungen werden demokratisch getroffen.

Maximal zwölf Personen können die Einrichtung nutzen. Die Bewohner zahlen monatlich ein Haushaltsgeld in Höhe von derzeit 250 Euro. Damit werden die laufenden Kosten für Lebensmittel, Strom oder Telefon gedeckt. Je nach Größe und Ausstattung des Zimmers sind etwa 300 Euro fällig. Für die hauswirtschaftliche Betreuung fallen zwischen 600 und 900 Euro an. Die Pflegeleistungen werden entsprechend der persönlichen Einstufung mit der Pflegekasse abgerechnet. Für den persönlichen Wohnraum schließt jeder Bewohner einen Mietvertrag mit der Genossenschaft, Vereinbarungen müssen zudem mit dem ambulanten Pflege- und Betreuungsdienst unterschrieben werden.

Die Gründer wählten die Rechtsform der Genossenschaft aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen Prüfung: „Gerade als Banker weiß man, dass eine korrekte Rechnungslegung und Prüfung ganz wesentlich für die Rechenschaft gegenüber den Mitgliedern ist“, so Sperl. Zudem erhalte man vom Verband vielseitige Unterstützung bei rechtlichen und steuerlichen Fragen.

Für Nachahmer hat Sperl einige Tipps: Man müsse mit Bürokratie umgehen können, obwohl er die Zusammenarbeit mit den beteiligten Behörden wie dem Landratsamt oder der Pflegekasse oder dem Genossenschaftsverband lobt. Des Weiteren komme der Auswahl des ambulanten Pflegedienstes eine zentrale Rolle zu. Vor allem aber solle ein Augenmerk auf die räumliche Ausstattung gelegt werden. Diese Rahmenbedingungen seien im Nachhinein nur schwer zu korrigieren.

Das Senioren-Wohnprojekt in Neukirchen wird weiter wachsen: „Jetzt natürlich mit den gemachten Erfahrungen, damit wir noch bessere Lösungen für unsere älteren Mitbürger anbieten können“, so Sperl. Frei nach dem Raiffeisen-Motto „Was einer nicht schafft, das schaffen viele“ wird bereits die zweite Wohngemeinschaft unter einem neuen Dach geplant. Die Genossenschaft sucht derzeit nach einer Immobilie.

Bild: Regional-Dekan Georg Englmeier (Zweiter von rechts) spendete der Einrichtung den kirchlichen Segen