Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Sulzfelder Bürgerbahnhof eG, Sulzfeld

In der badischen Gemeinde Sulzfeld bei Bruchsal haben die Bürger ein historisches Bahnhofsgebäude vor dem Verfall gerettet. Nach der Sanierung ist es zu einem beliebten Veranstaltungsort geworden. Das Projekt wurde auch von der örtlichen Volksbank mitgetragen.

„Wo früher ein Schandfleck im Ort war, haben wir heute ein tolles Veranstaltungsgebäude. Auf diese Gemeinschaftsleistung können wir alle stolz sein“, sagt Roland Schäfer, Vorstandsvorsitzender der Volksbank Bruchsal-Bretten. Bis vor wenigen Jahren drohte der Bahnhof als Ruine zu enden.



Im Jahr 2005 hatte die Gemeinde das 1878 errichtete Gebäude von der Deutschen Bahn erworben. Man suchte viele Jahre nach einer sinnvollen Nutzung. Interessierte Investoren gab es einige, doch die erforderlichen Investitionen schreckten ab. Auch die Gemeinde konnte aufgrund der angespannten Haushaltslage nicht selbst aktiv werden.

In dieser Situation fanden sich einige Bürger in einem Initiativkreis zusammen. Sie entwickelten gemeinsam mit dem Gewerbeverein und der Bank ein Nutzungskonzept und stellten eine Kalkulation für die Sanierung auf. Die Immobilie sollte zukünftig sowohl Büroflächen für Unternehmen als auch Räumlichkeiten für Veranstaltungen der Bürger bieten.

Bei der Frage der Finanzierung kam man auf die Idee, als Betreiberorganisation eine Genossenschaft zu gründen. Hier war insbesondere die Kompetenz der Volksbank Bruchsal-Bretten gefragt. „Du kennst dich doch mit der Genossenschaft aus. Mit diesem Spruch kamen unsere Mitstreiter im Gewerbeverein auf mich zu“, erinnert Werner Eigenmann, Vorstand der Sulzfelder Bürgerbahnhof eG und bis vor drei Jahren Vorstandsvorsitzender der Bank. „Mir war klar, dass man für so ein Projekt eine solide Unternehmensform benötigt. Was liegt da näher als die Genossenschaft?“

Bürgerbahnhof im Trend
Sulzfeld ist nicht der erste Bürgerbahnhof in Deutschland. Für etliche Initiativen ist Leutkirch im Allgäu ein großes Vorbild. Auch die Sulzfelder berufen sich auf das „Leutkircher Modell“. Deren Projekt wurde im Sulzfelder Gemeinderat und in der Verwaltung, vor allem aber auch den Bürgern vorgestellt. Eine Delegation aus Leutkirch war auch bei einer Informationsveranstaltung zu Gast.

Die 4.700 Sulzfelder wurden mehrfach über das Vorhaben informiert und es wurde die Mitgliedschaft in der Genossenschaft beworben. Zunächst hatte man im Rathaus Interessensbekundungen der Bürger gesammelt und daraufhin im Herbst 2011 eine Gründungsversammlung einberufen. Die Höhe eines Geschäftsanteils wurde auf 1.000 Euro festgelegt. Mitglied können nur Sulzfelder oder Personen mit Bezug zum Ort werden. Heute hat die Genossenschaft 225 Mitglieder, die rund 350.000 Euro an Geschäftsguthaben gezeichnet haben.

Mit diesen Mitteln konnte ein Großteil der Ausgaben von etwa 600.000 Euro getragen werden. Das Vorhaben wurde zudem durch Fördermittel des Landes und Spenden unterstützt. Ein Kredit war nicht erforderlich. Vor allem auch deshalb, weil sehr viel ehrenamtliche Leistungen von Bürgern und Unternehmen eingebracht wurden. Diese Eigenleistungen wurden mit etwa 250.000 Euro beziffert. Die Sanierungsarbeiten wurden ausschließlich von lokalen Handwerksbetrieben durchgeführt.

Die Volksbank Bruchsal-Bretten ist auch Mitglied der Genossenschaft geworden und hat zehn Anteile gezeichnet. „Wir wollten nicht einfach nur eine Spende geben, sondern uns aktiv einbringen“, sagt Schäfer. „Die Förderung der Region ist traditioneller Bestandteil unseres Selbstverständnisses. Die Unterstützung einer Bürgergenossenschaft ist hierfür ein gutes Beispiel“, so der Bankvorstand weiter.

„Wir beteiligen uns nicht nur finanziell, sondern bringen auch unser Know-how mit ein“, ergänzt Eigenmann. Von Anfang an arbeitet er in den Gremien der Genossenschaft mit. Im dreiköpfigen Vorstand ist einer für die Sanierungsthemen, der andere für die Nutzungs- und Vermietungsfragen und der Ex-Banker für die Finanzen zuständig. Im Aufsichtsrat ist seit der Gründung auch die Bürgermeisterin vertreten.

Eröffnung im Jahr 2013
Im August 2013 war es dann soweit: Der Bürgerbahnhof wurde offiziell eröffnet. Im Obergeschoss sind vier Dienstleistungsunternehmen in attraktive Büros eingezogen ─ mit hohen Stuckdecken, Parkettböden und Holzvertäfelungen. Schalterraum und Wartehalle im Erdgeschoss werden heute als Gemeinschaftsraum und Vinothek genutzt. Die Räumlichkeiten können für private Feiern, Tagungen oder Events von Unternehmen genutzt werden. Auch Veranstaltungen einer Kochschule finden dort statt. Genossenschaftsmitglieder zahlen übrigens eine geringere Nutzungsgebühr.

Ein großer Vorteil dieser Immobilie: Die Verkehrsanbindung. Nicht nur mit Stadtbahn und Bus, sondern auch mit dem Auto erreicht man den Bürgerbahnhof sehr gut. Parkplätze sind reichlich vorhanden. Ein Argument auch für auswärtige Nutzer.

Sulzfeld liegt in einer Weinbauregion und ist unter Wanderern sehr beliebt. Mit dem sanierten Bürgerbahnhof ist somit das Eingangstor zum Ort verschönert worden. Zudem wurde aber auch eine Werbefläche für die lokalen Weine geschaffen. Die örtliche Winzer ─ unter anderem auch eine Winzergenossenschaft ─ betreiben im Bürgerbahnhof nämlich eine Vinothek. Bei der Eröffnung war die Badische Weinkönigin voll des Lobes für diesen besonderen Ort der Weinverkostung.

Auf die Frage, warum die Volksbank sich für das Projekt stark macht, antwortet Schäfer ganz grundsätzlich: „In der Gesellschaft gibt es Aufgaben, die vom Staat oder von der Wirtschaft wahrgenommen werden. Es gibt aber auch Themen, bei denen die Bürger gemeinsam selbst aktiv werden können. Und dieses Gemeinschaftsengagement fördern wir als regional verantwortliche Bank“. Eigenmann ergänzt: „Durch die Genossenschaft ist der Austausch zwischen Kommune, Wirtschaft und Bürgern mit der Bank intensiviert worden. Es sind auch einige Freundschaften entstanden und das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gemeinde wurde gestärkt“.

Wirtschaftlich geht das Konzept bislang auf. „Der Bahnhof schreibt schwarze Zahlen. Wir zahlen derzeit zwar keine Dividende, aber er wird von den Bürgern gut genutzt“, so Eigenmann. Die Kompetenz beim Thema Bürgergenossenschaft spricht sich bereits herum. Aus einem Nachbarort wurde um Unterstützung für einen genossenschaftlichen Hotelbetrieb und einen Dorfladen gestellt.

Auch Schäfer sieht noch ein großes Potenzial für die genossenschaftliche Regionalförderung, etwa für Themen wie Gesundheit und Pflege, Bildung oder regionale Händler. Sein Fazit: „Die Genossenschaft ist eine moderne Unternehmensform und für die Regionalentwicklung mit den Bürgern sehr gut geeignet“.

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Bildquelle: BWGV