Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Volkswagen Belegeschaftsgenossenschaft für regenerative Energien am Standort Emden eG

Der Blick der Energiegenossenschaft der Volkswagenbelegschaft ist in die Zukunft gerichtet. Gleichzeitig hat das genossenschaftliche Modell auch bei den Arbeitern eine lange Tradition. Aber wie funktioniert ein Unternehmen im Unternehmen? Wie können sich Arbeiter vernetzen? Und welche Vorteile hat der Betrieb von einer Belegschaftsgenossenschaft? Die Beschäftigten im Volkswagen(VW)-Werk Emden sind stolz auf ihren Betrieb, ihren Arbeitsplatz, die Marke Volkswagen – und seit 2008 auch auf ihre belegschaftsgenossenschaftliche Photovoltaikanlage. Die Dünnschichtmodule mit einer Leistung von 280 Kilowatt-Peak liefern genug Solarstrom, um damit 70 typische Drei-Personen-Haushalte ein ganzes Jahr lang zu versorgen. Die Werkshalle 1b bietet mit 6.500 Quadratmetern Dachfläche genügend Platz. Und die großen Werkshallen und das Gelände besitzen noch enormes Potenzial für weitere Projekte.

Der Betriebsrat als treibende Kraft

Doch bevor die Energiegenossenschaft  erfolgreich durchstarten konnte, musste der Betriebsrat als Initiator viel Überzeugungsarbeit leisten. Ein entscheidender Akteur war dabei der Betriebsrat Martin Refle, der sich bereits seit 1992 verstärkt für  Erneuerbare Energien engagiert. Er konnte als Teilhaber zweier Bürgerwindparks und Mitglied im Bundesverband Windenergie bereits praktische und theoretische Erfahrung und Expertise sammeln, die er in die Energiegenossenschaft einfließen lassen konnte. „Als wir uns Anfang der 90er Jahre im Betriebsrat für eine Beteiligung der Belegschaft an Windrädern auf dem Gelände des Volkswagen-Werks einsetzten, war die Zeit noch nicht reif. Aber der Gedanke stieß damals die Zusammenarbeit der  Stadtwerke Emden mit dem VW-Werk an“, erzählt Refle. Es brauchte ein ganzes Jahrzehnt, ehe aus der Idee, Arbeitnehmer an Energieanlagen zu beteiligen, eine der ersten Belegschaftsgenossenschaften Deutschlands wurde. „Die rasante Entwicklung  der Photovoltaik und die Reform des Genossenschaftsrechts sorgten für die notwendigen Voraussetzungen für den Erfolg der Belegschaftsgenossenschaft“, resümiert Refle. Nachdem die Werksführung dem Projekt zustimmte, ging der Betriebsrat auf die Belegschaft zu und informierte über die Möglichkeiten des Modells. Neben dem großen Engagement des Betriebsrats war die Verpachtung der Dachfläche durch die Volkswagen AG – zum symbolischen Betrag von einem Euro im Jahr – für die  Umsetzung wichtig. Mittlerweile sind 219 Mitarbeiter im Volkswagen- Werk Emden an der Energiegenossenschaft beteiligt. Die Einlage reicht von 200 bis maximal 10.000 Euro, der Obergrenze für einen Beteiligungsanteil. Die Eigenkapitaldecke macht 25 Prozent der gesamten Investitionssumme aus. Für das erste Betriebsjahr wurde eine Ausschüttung von fünf Prozent garantiert. In den folgenden Jahren lag die Rendite ebenfalls bei fünf Prozent. Für die fachkundige Unterstützung sorgte der regionale Genossenschaftsverband, der mit dem Betriebsrat zusammen die Satzung der Genossenschaft erarbeitete. Gerade die Garantie einer fachkundigen Beratung macht das genossenschaftliche Modell für die Mitglieder, aber auch für die Firmen, die eine Dachfläche zur Verfügung stellen, so attraktiv. In Industriebetrieben existieren optimale Voraussetzungen für Energiegenossenschaften. Es gibt meist viele Dachflächen auf Hallen und Verwaltungsgebäuden oder auch Parkplätze, die sich für Carports eignen. Die genossenschaftlich betriebenen Anlagen der Erneuerbaren Energien bieten der Belegschaft die Möglichkeit, sich an der Energiewende direkt zu beteiligen – zum Schutz des Klimas und als sichere Geldanlage. Außerdem sind die  Wege in einem Betrieb nie besonders weit: Man trifft sich in der Kantine und auf der Betriebsratsversammlung. Durch das Werk sitzt immer auch ein großer Energieabnehmer direkt vor Ort.

Alle profitieren
Für die Volkswagen AG gab es mehrere Gründe, der Belegschaftsgenossenschaft zuzustimmen: Das Engagement der Belegschaft und die Unterstützung der Werksleitung bezeugen den Willen, sich für Erneuerbare Energien einzusetzen. Eine gemeinsame Anlage, an der sich – wie beim VWWerk Emden – auch Teile der Geschäftsleitung beteiligen, stärkt den Zusammenhalt und die Identifikation mit dem Werk. Alle ziehen an einem Strang. Durch die Beteiligung an einer  Energiegenossenschaft lernt der Arbeitnehmer auch die unternehmerische Sicht kennen, denn eine Energiegenossenschaft ist ja nichts anderes als ein Unternehmen. Und durch die demokratische Struktur der Genossenschaft begegnen sich die Geschäftspartner auf Augenhöhe. Das fördert auch die interne Kommunikation bei VW in Emden. So profitieren sowohl das Werk als auch die Arbeiter von der genossenschaftlich betriebenen Photovoltaikanlage – und nicht zuletzt das Klima. Das  Engagement der Arbeiter für den Klimaschutz und die dezentrale Energieversorgung vor Ort haben auch beim Konzern selbst für Aufbruchsstimmung gesorgt: Die Volkswagen AG möchte weitere betriebsinterne und ökologisch sinnvolle  Belegschaftsgenossenschaften anstoßen. Man möchte gemeinsam mit den Mitarbeitern die Herausforderungen der Energiewende meistern. „Die Diskussion über die Beteiligung der Arbeitnehmer an diesem Prozess ist allerdings leider noch nicht  abgeschlossen“, so Refle. Der in der IG Metall engagierte Betriebsrat möchte seinerseits dafür sorgen, dass die Beteiligung der Belegschaft und das Engagement für die Energiewende zusammengehen. „Ich denke, dass sich die Beteiligung der  Arbeitnehmer und der Einsatz der Volkswagen AG für den Klimaschutz wunderbar ergänzen können“, sagt Refle. Dazu gehören auch weitere genossenschaftliche Anlagen am Standort Emden und in anderen VWWerken. Die gesicherte Rendite von fünf  Prozent und die freien Flächen bieten noch viel Potenzial. Und so ist der Blick in die Zukunft gerichtet: auf 2013, wenn voraussichtlich der erste rein elektrisch betriebene Golf auf den Markt kommen wird. Der könnte mit Sonnenstrom aus den Anlagen der Belegschaftsgenossenschaft vom Werksgelände fahren – in Richtung der Windräder, die beim Blick vom Dach der Halle 1b aus zu sehen sind. Die Zukunft der Energieversorgung hat in Emden bereits begonnen.