Wir sind „Ein Gewinn für Deutschland“

Die mehr als 7.500 Genossenschaften und genossenschaftlichen Unternehmen in Deutschland sind ein wichtiger Bestandteil der mittelständischen Wirtschaft. Sie wirtschaften mit langfristiger Perspektive, fördern ihre Mitglieder und sind in der Region verankert. Stabilität und Verantwortung zeichnen Genossenschaften aus.

Aus all diesen Gründen ist jede einzelne Genossenschaft „Ein Gewinn für Deutschland“. An dieser Stelle haben die Genossenschaften die Gelegenheit, der Öffentlichkeit zu präsentieren, was sie auszeichnet und sie zu einem ganz besonderen „Gewinn für Deutschland“ macht. 

Willkommen in Sögel eG, Sögel

Im Sommer 2015 ist die Flüchtlingskrise in Deutschland und Europa auf dem Höhepunkt. Jeden Tag kommen Tausende durch Krieg oder Hunger aus ihren Heimatländern vertriebene Menschen in Deutschland an. Die deutsche Bevölkerung spaltet das in zwei Lager: Viele Menschen reagieren mit Sorge und Unverständnis auf die Entscheidung der Kanzlerin, so viele fremde Menschen ins Land zu lassen. Viele sehen aber auch die Not und das Leid der Ankommenden und möchten helfen.

„Das war die Zeit, als am Münchener Bahnhof die ankommenden Flüchtlinge mit Blumen begrüßt wurden. In Deutschland herrschte zu der Zeit eine optimistische Willkommensstimmung“, beschreibt Franz Klawitter, Mitinitiator und Vorstand der Genossenschaft „Willkommen in Sögel eG. Bürgergenossenschaft für Menschen in Not“. Diese Welle der Hilfsbereitschaft umfasste auch seinen Heimatort, die 6.500-Seelen-Samtgemeinde Sögel im niedersächsischen Emsland.


Dort stand man im Sommer 2015 vor der Situation, nach dem gültigen Verteilungsschlüssel mehr als 200 Asylbewerber aufnehmen zu müssen. Der verfügbare Wohnraum in der Gemeinde war jedoch ohnehin bereits knapp. „Trotzdem wollten wir die Menschen nicht in Gemeinschaftsunterkünften oder Turnhallen zusammenpferchen, sondern sie anständig und lebenswert unterbringen“ so Klawitter. Vom Rathaus der Samtgemeinde ging daher die Initiative aus, zentrumsnahe Mehrfamilienhäuser für die neuen Mitbürger zu bauen, und für dieses Vorhaben die Bürger mit an Bord zu holen. Um diese von der Idee zu überzeugen, holte der Bürgermeister Klawitter mit ins Boot, der als örtlicher Zahnarzt, Vorsitzender der katholischen Erwachsenenbildung und Mitspieler im Sögeler Fußballclub im Ort gut vernetzt ist. Gemeinsam mit weiteren Mitstreitern gründeten dann bereits im September 2015 15 Personen, darunter der Bürgermeister, Vertreter aller im Gemeinderat vertretenen Fraktionen, der katholischen und der evangelischen Kirche und des lokalen Wirtschaftsverbandes die Bürgergenossenschaft „Willkommen in Sögel eG“.

Überwältigende Hilfsbereitschaft

Die Bereitschaft der Sögeler, die Initiative zu unterstützen, übertraf dann selbst die optimistischsten Erwartungen. Zu einer ersten Informationsveranstaltung der Genossenschaft kamen gleich mehr als 400 Interessierte. „Von überall mussten Stühle herbeigeschafft werden“, erinnert sich Klawitter. „Wir hatten natürlich auch mit Vorbehalten und Widerständen gerechnet, aber es gab nicht eine einzige kritische Stimme.“ Und nicht nur unter den Bürgern war das Engagement gewaltig: Ob der Richter am zuständigen Amtsgericht, der die Registereintragung der Genossenschaft in Rekordzeit von nur 24 Stunden organisierte, die lokalen Handwerksunternehmen, die ihre Leistungen so günstig kalkulierten, dass Baukosten deutlich unter dem üblichen Marktpreis realisiert werden konnten oder ein Sögeler Bürger, der der Genossenschaft ein zentrumsnahes Baugrundstück zum halben Preis überließ – „wirklich alle hatten damals den Wunsch, uns zu helfen“, beschreibt Klawitter die überwältigende Hilfsbereitschaft in Sögel.

Getragen von der großen Unterstützung ging dann alles rasend schnell. Innerhalb von drei Monaten zeichneten Bürger Genossenschaftsanteile im Wert von 1,3 Millionen Euro. Aus zweckgebundenen Fördermitteln der KfW für die Unterbringung von Geflüchteten wurde zudem ein zinsgünstiger Kredit in Höhe von 1,4 Millionen Euro bereitgestellt. So konnte bereits im Januar 2016, nur wenige Wochen nach der Gründung der Genossenschaft, mit dem Bau des ersten Wohngebäudes begonnen werden.

Rund zwei Jahre nach Gründung der Genossenschaft ist der dritte und letzte Neubau nun kurz vor der Fertigstellung. Ein weiteres Mehrfamilienhaus wurde von der Genossenschaft gekauft, so dass insgesamt 23 Wohnungen mit Platz für jeweils fünf bis sechs Personen zur Verfügung stehen. Auch wenn die Flüchtlingssituation sich zwischenzeitlich wieder etwas entspannt hat, wird dieser Wohnraum in Sögel dringend benötigt. Zumal nicht nur an Flüchtlingsfamilien, sondern auch an andere einkommensschwache oder sozial benachteiligte Menschen vermietet wird.

Alle Wohnunterkünfte der Genossenschaft sind bewusst zentral in der Ortsmitte angesiedelt, um die Integration der Menschen zu erleichtern und Ausgrenzung von vornherein zu verhindern. Die Bewohner werden zudem soweit möglich in die Pflege der Häuser und Gärten einbezogen und dabei von ehrenamtlichen Helfern unterstützt. Und auch ansonsten werden die Flüchtlinge in ihrer neuen Heimat Sögel nicht allein gelassen. Viele Menschen haben den Wunsch, sich auch über die Mitgliedschaft in der Genossenschaft hinaus für die neuen Mitbürger zu engagieren und unterstützen diese zum Beispiel durch Sprachkurse oder die Begleitung bei Behördengängen. Mit allen Fragen und Problemen können sich die Flüchtlingsfamilien zudem an die Geschäftsstelle der Genossenschaft im Rathaus wenden. Eine fest angestellte Halbtagskraft, die als Starthilfe für die Genossenschaft aus dem Haushalt der Gemeinde bezahlt wird, kümmert sich dort um alle Anliegen.

Sozialverantwortung und Solidarität

Die Genossenschaft hat heute mehr als 260 Mitglieder. „Der Großteil stammt natürlich aus der Region, aber wir haben Mitglieder von Schleswig-Holstein bis Bayern“, so Klawitter. Viele sind mit dem Mindestanteil von 100 Euro beteiligt, es gibt aber auch Bürger, die fünf- oder sogar sechsstellige Beträge eingebracht haben. Renditeerwartungen spielen dabei wenn überhaupt eine untergeordnete Rolle. „Zumal wir in den ersten Jahren ohnehin keine Dividende ausschütten können, da bauen eben teuer ist und wir zudem Rücklagen bilden müssen. Die Menschen werden eher Mitglied bei uns, weil sie mit ihrem Geld Gutes tun wollen“, beschreibt Klawitter. Dieses Verständnis drückt sich bereits in der Präambel der Genossenschaftssatzung aus, laut der sich die Willkommen in Sögel eG „im Sinne von Friedrich Wilhelm Raiffeisen nicht nur als Wirtschaftsunternehmen, sondern auch und besonders als Wertegemeinschaft von Genossenschaftsmitgliedern mit Sozialverantwortung und Solidarität gegenüber anderen Menschen“ versteht.

Für eine größere Planungssicherheit der Genossenschaft verpflichten sich die Mitglieder mit Eintritt in die Genossenschaft, ihre Einlage für mindestens fünf Jahre zur Verfügung zu stellen. Größter Anteilseigner der Genossenschaft ist die Kommune, die für die als Bauland zur Verfügung gestellten Grundstücke kein Geld, sondern Genossenschaftsanteile im Wert von 240.000 Euro bekommen hat. Trotz der großen finanziellen Beteiligung hat die Kommune in der Genossenschaft aber keinen größeren Einfluss als alle anderen Mitglieder. Denn Entscheidungen werden in Sögel streng nach dem genossenschaftlichen Demokratieprinzip „ein Mitglied, eine Stimme“ getroffen. Geführt wird die Genossenschaft von einem zweiköpfigen ehrenamtlichen Vorstand und einem siebenköpfigen Aufsichtsrat, in dem unter anderem Vertreter der im Gemeinderat vertreten Parteien und ein Kirchenvertreter mitarbeiten.

Wie es nun nach Fertigstellung des letzten Neubaus weitergeht, wird aktuell in der Genossenschaft diskutiert. Ganz gleich ob noch weitere Bauvorhaben realisiert werden oder nicht – die Sögeler haben in den letzten zwei Jahren eindrucksvoll gezeigt, was alles bewegt werden kann, wenn Kommune, Wirtschaft, Kirchen, soziale Initiativen und natürlich vor allem die Menschen vor Ort an einem Strang ziehen und sich mit Herzblut und Engagement für ein gemeinsames Ziel einsetzen.